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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:04

Neue Gedichte von Kuhligk und Kuhnert

01.06.2009

Wo Teilzeitstewardessen Döner essen

Endlich mal keine Cover, auf denen nackte Frauenrücken in mattem Morgenlicht posen, keine feuchten Unterhosen; nein, es gibt sie noch, eine Dichtung aus den guten alten Ingredienzien Melancholie, Männerfreundschaft, einer Prise Anarchie und Restalkohol. Sicher lassen sich Björn Kuhligk (Von der Oberfläche der Erde) und Clemens Kuhnert (tina die teilzeitstewardess) nicht über einen Kamm scheren, dennoch scheinen sich nicht nur inhaltlich einige Beziehungsfäden zu ergeben. Was hier zu entdecken ist, das ist weder Moschus noch Machismo, das ist eine selbstbewusste, unartifizielle dichterische Haltung fernab jeder Verrenkung. Zwei neue Gedichtbände, gelesen von DANIEL KETTELER

 

Clemens Kuhnert hat sich mit „tina“, der „teilzeitstewardess“, tief ins Whiskyglas vorangekämpft. Im „Freien Neukölln“ gehen fast die Lichter aus, da hebt der Meister an, erinnert eine nächtliche Begegnung in der „u-bahnbar“, sie schnippt / die asche ins dunkel, bis ihr das licht / abteil für abteil ans schienbein drischt. Gegenüber schaufelt Stardöner müde im Salat: der duft nach döner und nach warmem staub / weicht fischgerüchen aus den Hofeinfahrten, / durch gitterroste atmen schächte aus, als ob kanäle aufs gewitter warten. Stimmungsbilder, Polaroids aus einem Neuköllner Künstleralltag, unromantisch, da warten keine reichen Studentenpapis im Hinterhof, da riecht es nach Fisch. Man ist mit dem Amt verheiratet, nahm das amt an, kein altar, doch bargeld / gegen formulare, keine ehe, eher ringkampf: / künstlerpech. nachträglich wird ein pflegeheim // mir sterbehilfe leisten, grund sich gleich mit klaren / kalt zu machen: diese runde zahl ich. trinkt, / meine brüder, wer wird ladenhütern trauen?

Harte Alliterationen, heißer Asphalt und kaltes, klares Wasser, Doppeldeutigkeiten zwischen Wohlstandsfantasien (welche wohlstandsdamen / werden ladenhüter trauen?), Ambivalenz zwischen bürgerlicher Partizipation und trotziger Resignation. Besser die Stellung halten, lieber „ladenhüter“ als korrumpiertes Andienen. Dazu eine Variation des besagten Nacktcovers: eine schäbige, rauchende Alte ganz im Stil von Bukowski (tolle Illustrationen von Tomasz Bohajedyn). Es ist durchaus eine gewisse Melancholie zu bemerken, die sich beim Lesen breitmacht, ein unaufdringliches Pathos, zum Beispiel die Frage: worauf es ankommt, / was wir hier machen. Die Antwort als ein schnell verglühtes Schulterzucken: […] wir machen / was sonnen machen, / sonst machen wir nichts.

Subversive Dichterlunge

An der Theke nimmt Platz: Björn Kuhligk. Kuhligk gelingt es offensichtlich bei Zeiten, seinen Dichterkollegen Clemens (Kuhnert) aus seiner Neuköllner Rauchsauna (im oben genannten, sogenannten und überdies sehr empfehlenswerten „Freien Neukölln“) hinaus an die frische Luft zu zerren. So im „Erlebnisgedicht aus dem Spreewald (für Clemens, Eberhard, Florian, Jan, Tom)“. Hier sitzen sie alle auf der Holzbank und drechseln Reime ins weiche Holz.

Kämpferische Postfeministinnen mögen ob dieser trauten Männerschunkelei die Brauen lupfen, aber Wir sitzen hier und trinken / Erich-Baben-Bier, der Wald, stehend / die Kanäle, das Wasser darin. Tolle Alliterationen, auch bei Kuhligk. Es ist dieser spezielle Sound, es sind die „gleichmäßigen Stöße“ jener Prachtlibelle / die mit ihrer geradezu unbehausten Zartheit das Folkloredickicht zerstört, sie steht, das kann man / nicht anfassen, unter Realismusverdacht. Zuletzt also die Zertrümmerung des soeben begonnenen Schlagers, ein leiser Flügelschlag auf den Hinterkopf. Man fragt sich zunächst, warum das „Folkloregedicht“ nicht „zerbricht“, aber diesen Reimspaß gönnt uns Kuhligk nicht, der Rhythmus wird prosaisch gesprengt durch ein realeres Idyll.

Viele aparte Bilder lassen sich finden in diesem Band, etwa in „Das große Knospenplatzen“, wo über dem sturzblödbarocken Zwiebelturm der Morgen graut, da ploppen die Krokusse, in der Hitze des Mittags / die pochenden Hügel und Kollege Stratege pinkelt durch die Zufriedenheitsmelisse gegen den Kaninchenstall. Eine Prise Punk zwischen zwei Buchdeckeln, eine subversive Dichterlunge und all das unterm ratzefatzeschönen Wölkchen-Himmel.

 

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