In der Prosa ist es das tägliche Brot: Seit Erfolgen von Buchreihen wie Eragon oder den Bis(s)-Romanen und der cineastischen Wiederbelebung der Tolkien-Saga um den zum Knechten geschmiedeten Ring, die medial unausweichlich über wirklich jeden hereinbrach, der eine Zeitung las, den Fernseher einschaltete oder es nur wagte, sich in einen Buchladen zu begeben, hat mystisch Angehauchtes und/oder düster Dargebotenes Konjunktur. Und auch, wenn die heutigen modernen Märchen nur noch selten mit "Es war einmal..." beginnen, so leben doch die meisten der guten Fantasy-Geschichten vom Sog ihrer Sprache, von ihrer dichten Atmosphäre. Grundstock dieser Sprachatmosphäre ist das Vokabular, welches zumeist darauf ausgerichtet ist, den Leser in eine Zeitmaschine zu setzen und in die Vergangenheit zu führen. Im optimalen Fall entsteht ein Lesefluss, der sich, wenn überhaupt, zum Essen und Duschen unterbrechen lässt. --- Was aber ist mit der Lyrik? Kann eine altertümlich anmutende Sprache auch hier und heute fernab der üblichen Klassiker noch eine Sogwirkung entfalten, die den Leser innehalten lässt und ihn wie an einem Halfter durch einen Gedichtband zieht?
Sie kann! Eine Behauptung, die mir ausgesprochen leicht fällt, nachdem ich Olaf Veltes bei der Stadtlichter Presse erschienenen Gedichtband Schindäcker rauhe Gärten gelesen habe. Er vereint Gedichte über Land und Leute; Gedichte über topographische und emotionale Landschaften, Gedichte, in denen Velte Wörter verwendet, die schon länger aus dem alltäglichen Wortschatz und Sprachgebrauch verschwunden sind. Dabei schafft er es, seine Sprache zwar traditionell, nicht aber antiquiert oder konstruiert wirken zu lassen; er schafft es, nahezu historische Sujets abzubilden und auch zu bebildern, ohne dass es künstlich oder aufgesetzt wirkt.
KUNDSCHAFTER
schön ist noch
immer Fischteich und
Bauernwald die
heilige Zeit
treuer Anrainer
aus spätem Feuer
der Chronist
hört Tag und Nacht
Getier bei Fuß
vor jenem Ort wo
Kundschafter tief
im Wasser liegen
ausgestopft
mit Ackerland
Velte selbst schrieb einmal: „Die Poesie gräbt sich mit ein. Erde, Körper, Arbeit – sie sind beileibe nicht die Dreifaltigkeit. Aber ist hier nicht der Ehrenplatz, ein Schindacker zugleich? Immer zu halten, was zu versinken droht?, wortlos in die Erde verschwinden will? Und dabei den Reichtum dieser Welt bewahrt?“ -- Und so es ist auch nicht in erster Linie die Vergangenheit, die er in diesen Lyriken abbildet – es ist vielmehr das Leben und Vergehen in einer Heimat, die unabhängig von Moden und über Generationen hinweg zu bestehen wusste. Dabei vermeidet er einen allzu verklärten Blick, und so sind in seinen Gedichten die Mühen eines handwerklichen oder bäuerlichen Lebens, Nöte und Missstände und körperliche und seelische Wunden offensichtlich.
Olaf Velte mag seine Gedichte eventuell am heimischen Schreibtisch niedergeschrieben haben, er mag sie auch dort überarbeitet haben, entstanden aber sind sie im Freien: beim Überspringen eines Bachlaufs, beim Abknicken eines Haselstrauchs, beim ersten Anzeichen eines heranziehenden Gewitters. Ein besonderer Blick, mit dem Velte die Hügel und Wälder, Orte und Ortschaften einfängt: der eines detailverliebten Historienmalers und eines Heimatdichters fernab des Kitsch.