Kein leicht einzulösender Anspruch, der sich hinter dem Titel des von Titus Müller herausgegebenen Buches verbirgt: Anleitung zum Machen von Lyrik und Autorenhandbuch will es sein. Diesem Prinzip verdankt sich einerseits die Vielstimmigkeit des Bandes, andererseits schwankt die Qualität (und das heißt bei einem solchen Vorhaben auch: 'der praktische Nutzen') jedes einzelnen Beitrags – je nach inhaltlicher Ausrichtung und Sorgfalt, die der jeweilige Autor darauf verwendete – so erheblich, dass kaum von einer einheitlichen Richtung gesprochen werden kann, auf die der Band abzielte.
Titus Müller (Jahrgang '77) hat im Einstiegskapitel "Wie man gute Gedichte schreibt" die naturgemäß am schwierigsten zu bewältigende Aufgabe übernommen, weil es in Geschmacksfragen (was sind gute Gedichte?) bekanntlich keinem gleichermaßen recht zu machen ist. Er beschränkt sich in seinen Ausführungen daher auf allgemein akzeptierte Regeln aus der klassischen Verslehre zu Reim-, Rhythmen- und Versstrukturen, die genauso gut und umfassender in literaturwissenschaftlichen Darstellungen zum Thema Lyrik zu finden sind (vgl. Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse, Stuttgart: Metzler 1997), die er aber durch Zwischentitel und Hinweise aus dem eigenen Erfahrungsschatz aufzulockern versteht.Interessanter wird es für diejenigen, die bereits das lyrische Handwerkszeug zu beherrschen glauben, in jenen Beiträgen, die am stärksten subjektiv – von der lyrischen Handschrift ihrer Verfasser - geprägt sind. Ein Problem: Oft weiß man nicht mehr, wo die eigentliche Sachinformation aufhört, wo Selbstdarstellung beginnt. Wer beispielsweise im Kapitel "Geld verdienen mit Gedichten" sich Aufklärung erhofft über das Funktionieren des Literaturbetriebes, Vergabeprinzipien für Preise, Stipendien usw., wird herb enttäuscht. Stattdessen liefert uns Kai Lüftner mit seinem Ein-Mann-Unternehmen für "Gebrauchslyrik" ein neues Berufsbild ("Ohne Visitenkarte gehe ich heute nicht mehr aus dem Haus"), das wiederum wenig (?) zu tun hat mit dem Bild jener Lyriker (v.a. aus der Schule Thomas Klings), die uns Anton G. Leitner und Nico Bleutge als charakteristisch für die Dichtung der Gegenwart im vierten Kapitel vorstellen. Für einen, der, wie Leitner, wissen müsste, wie es zugeht im Literaturbetrieb, welche Methoden anzuwenden sind, um (z.B. in einer Zeitschrift wie DAS GEDICHT) veröffentlicht zu werden, ein zwar kenntnisreicher, aber merkwürdig zurückhaltender Essay, der einzige übrigens, der nicht ohne Fußnoten auskommt (wobei wir uns auf altgewohntem germanistischem Territorium wiederfänden). Dagegen haben wir mit Theo Breuers "Lyriksplitter-ABC" - "Das weite Feld der Lyrik" - (Kap. 5) einen Artikel, der unverstellt und bewusst subjektiv von Arbeits-, Lebens-, Lese- und Schreibgewohnheiten eines Gegenwartslyrikers erzählt. Man spürt geradezu den Kenner und Enthusiasten; hinter den wie beiläufig einfließenden Zitaten, Adressen usw. steht die Einsicht, dass ein lyrisches Dasein nur durch die tagtäglich (in Gedichtbänden) zu er-lesende wie die (beobachtend, teilnehmend) zu erlebende Gegenwart zu bewältigen ist – wozu auch der lyrische Austausch zwischen den Dichtern gehört. Ob ein solcher z.B. durch Lesungen zustande käme, würde man sich den Ratschlägen Andreas Reikowskis (Kap. 2) folgen, ist fraglich. Hier fühlt man sich doch zu sehr an jene Art Ratgeber erinnert, die man als Abiturient für künftige Bewerbungsgespräche in die Hand bekam ("Wenn Sie im Sitzen lesen wollen, achten Sie darauf, dass der Tisch mit einem am besten schwarzen Tuch abgedeckt werden kann, damit man nicht Ihre Beine sieht. Als Frau sollten Sie keinen Rock tragen, wenn man den Tisch nicht mit einem Tuch verhüllen kann.") Unproblematischer sind die Kap. 6 zu "Slam Poetry" (Tilman Rau) und Kap. 7 mit einer 12-Schritte-Taktik für junge Dichter auf Verlagssuche (Titus Müller). Vielleicht wäre für das Schlusskapitel eine Adressenliste relevanter Verlage und Zeitschriften hilfreicher gewesen als die stattdessen dort zu findende Zusammenstellung rhetorischer Figuren, die an Klausurhilfen für den Deutsch-Leistungskurs erinnert.
Dennoch – ein mutiges Buch insofern, als es mit der Illusion vom schnellen Berühmtwerden und problemlosen Veröffentlichen aufräumt, ein Buch, das nicht umsonst wieder an die handwerklichen Voraussetzungen des Dichtens erinnert. Empfehlenswert daher vor allem lyrischen Neueinsteigern, während sich der bereits tätige Lyriker an der Fragwürdigkeit mancher der Beiträge reiben mag.
Jan Röhnert
Titus Müller (Hg.): Gedichte schreiben und veröffentlichen. Federwelt Verlag Berlin, 152 S., 24.80 DM.