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Donnerstag, 02. September 2010 | 19:54

Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig präsentieren Cowboylyrik

25.01.2010

Wilder Textnordenwestensüdenosten

Das Leben des Cowboylyrikschreibers ist ein einziges langsames Vernarben, ein stetes Provisorium, ein ständiger Kampf mit den Klischees. LÉONCE W. LUPETTE über eine gut gemachte Vorreiterin unter den Anthologien.

 

Freunde von Anthologien zeitgenössischer Lyrik, die über die nichtssagenden Labels „junge Literatur“ oder „Aktualität“ hinausgehen, dürfen sich glücklich schätzen. In der neuen Reihe roughbooks aus dem ehrenwerten Hause Urs Engeler Editor ist nun eine von Huchelpreisträger Ulf Stolterfoht herausgegebene Blütenlese zur Cowboylyrik erschienen. Die Behandlung dieses Subgenres lässt den Leser zunächst stutzen: Was hat deutschsprachige Lyrik aus dem dritten Jahrtausend mit einer ganzen Tradition und Kultur US-amerikanischer Rancher zu tun?

 

Das Vorwort, das auf den sehr ansprechend gestalteten roughbooks bereits auf dem Umschlag beginnt, verrät mehr: In Elko, Nevada, gibt es ein jährliches Cowboy-Poetry-Gathering (das in diesen Tagen zum 26. Mal stattfindet, es gibt noch Tickets!), und Stolterfoht hat sich vorgenommen, mit seinem Lyrikseminar des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL) daran teilzunehmen. Letztlich, so die Anekdote, scheiterte die Bewerbung unter anderem an der Anforderung, die „besondere Beziehung zum Ranching und Cowboying offenzulegen."

 

Was also sind das für Texte, die hier versammelt sind? Das Internet verrät Einiges über die Wurzeln und Traditionen dieser hierzulande ein Schattendasein fristenden Spezialform von Lyrik. Die Gedichte der Anthologie zeigen deutlich die intensive Auseinandersetzung mit den traditionellen Texten in Gestus, Vokabular, Bezügen und Anleihen – zumal sich Cowboylyrik häufig mit Themen wie Arbeit, Reflexion einer bestimmten Lebensweise oder der Vergänglichkeit auseinandersetzt.

 

Dabei sind hier ganz eigenständige Formen des Genres entstanden, falls sich angesichts der Diversität der Texte von Genre überhaupt noch sprechen lässt. Die Frage, was ein Cowboy ist und was Cowboysein ausmacht, wird neu gestellt. Erst einmal fragt sich aber der Leser ganz allgemein, welches europäische Klischee von der Lebensweise und dem Mythos dieses amerikanischen Phänomens übriggeblieben ist, das traditionell, politisch, ökonomisch und identitätsstiftend nicht nur in Nordamerika eine immense Rolle spielt: Old Shatterhand oder eher der Großstadtcowboy?

 

Dekonstruktion von Mythen

Der Leser aber merkt schneller als sein Schatten, dass die hier versammelten Gedichte auf Hochtouren an der Auseinandernahme derartiger Mythen arbeiten und diese vom Pferd stoßen. Der Cowboy und die mit ihm verknüpfte Umgebung stehen paradigmatisch für den Mythos schlechthin; Cowboy und Cowboysein sind zur Metonymie geworden, nicht zuletzt auch durch das Kino, dessen Sprache in einigen Gedichten eine herausragende Stellung bekommt. Die fantastische Maysche Wildwestwelt der Kindheit wird freilich nicht fortgesetzt und affirmiert, und es bleibt nur der lesende Blick hinter die Kulissen:

 

 

        lieber pierre brice,

        je vous aime

 

        brice!

 

        üschi gas

 

        champagne

 

 

heißt es etwa, oder in „Old Shatterhands Kanu wird sein wie der Mund eines alten Weibes“:

 

 

                                                        [...] Adorf lässt sich im Off

         Brillantine ins Haar schmieren, Kinski probiert die Pelzkappe,

                                                               [...] Hier verstand ich,

        dass Dramaturgie und Budget genau dieses Ende verlangten.

 

 

Dem Cowboysein wohnt immer ein tragisches Moment, ein Scheitern inne, was bereits der Italowestern zeigte, aber auch neuere Cowboyfilme wie Brokeback Mountain oder No Country for old Men, auf den sich ein Text bezieht.

 

Das Cowboyleben – wobei der Begriff hier über die Geschlechtergrenzen hinweg zu denken ist – ist ein einziges langsames Vernarben, stetes Provisorium und Improvisieren zwischen der Einsamkeit und dem Anspruch der Klischees, die an Cowmenschen herangetragen werden. Trostlosigkeit, Krankheiten (und seien es die der Tiere), Aphasien, Verschleppungen. Vor allem auch das sprachliche Sein steht an vielen Stellen auf der Kippe, sucht sich, verheddert sich aber im Lasso des eigenen Sprechens oder der Sprache der Alltagsumgebung:

 

 

        wir blattrippen filtern auktionen bei jeder santa fe,

        rauchern zurück zu aromen perique.

        befreit werden liefern die gleiche, denn

        feuchthaltemittel beuteln philosophie

 

 

Das Cowboygedicht als Ort kartografiert in vielen Fällen mit sprachlicher Fülle das Gegenteil eines „Land Of Plenty“ – so der Titel eines Gedichts –, nämlich (geschichtliche) Brüchigkeit (u.a. West/Ost, aber auch Altertum und Mittelalter werden textuell und thematisch zitiert und neu generiert), schütter und mürbe: „Land alles überrollt alt und leer.“

 

Der kartografische Aspekt wird dadurch verstärkt, dass die Texte lediglich im Inhaltsverzeichnis den Autorinnen und Autoren zugeordnet werden, selbst aber nicht mit diesem oft zu Vorurteilen verführenden Indikator versehen sind. Auf diese Weise entsteht ein wilder Textnordenwestensüdenosten, der wegen solcher Brüche insgesamt aber eine nur scheinbar zusammenführende Weite zum Ausdruck bringt, und es

 

werden die Risse im Asphalt

zu kleinen Nattern.

 

Wer mehr erfahren möchte, zum Beispiel zu den sehr komplexen Figurationen der sogenannten Indianer, zu den reichen politischen Implikationen, zu den Wandlungen sprachlich-literarischer Zeichen und Tropen, der schwinge sich geschwind in den Sattel und begebe sich auf die Jagd nach dieser dichten Sammlung, die im Übrigen das häufige Vorurteil, die Autorinnen und Autoren des DLL schrieben alle langweilig und gleich, endgültig als haltlosen Affekt entlarvt.

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