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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 06:52

Adrian Kasnitz: Den Tag zu langen Drähten

22.02.2010

Reduziert, komplex, konzentriert

Adrian Kasnitz’ Intermezzo in heimischem Gefilde. Von STEFAN HEUER

 

Karl-Heinz Rummenigge machte Mitte der 80er-Jahre gemeinsam mit seinem damaligen Vereinskollegen Paul Breitner Werbung für Elektrowerkzeuge von AEG, heute ist er Vorstandsvorsitzender des deutschen Fußball-Rekordmeisters. Guido Westerwelle, der sich noch vor gar nicht langer Zeit über die Außenpolitik mokierte, muss sich nun selbst Vorwürfe der Opposition gefallen lassen. Selbst „Brangelina“, Hollywoods Vorzeigepaar, steht unter permanentem Trennungsverdacht – genau der richtige Zeitpunkt, um Dinge von Beständigkeit in den Fokus zu rücken, an dieser Stelle: die Parasitenpresse Köln. Seit über zehn Jahren geben Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz in rauem, recyceltem Papier gehaltene Einzelbände, Anthologien und Tonträger heraus, vornehmlich die Lyrik jüngerer Autorinnen und Autoren.

 

Nachdem Adrian Kasnitz seine vorangegangenen Gedichtbände bei der Lyrikedition 2000 (Reichstag bei Regen) und beim Yedermann Verlag (innere sicherheit) veröffentlicht hat, tritt er nun mit dem im Herbst 2009 erschienenen Lyrikband Den Tag zu langen Drähten wieder in der eigenen Parasitenpresse in Erscheinung. Rückschritt, höre ich da einige munkeln, ich aber denke: Keineswegs, eher ein Intermezzo in heimischem Gefilde – letztendlich entscheidet nur die Qualität, und die stimmt!

 

Hohes sprachliches Niveau

In der Presseinfo ist zu lesen, dass es sich bei den 35 alphabetisch geordneten Gedichten dieses Bandes um Gedichte handelt, „die sich dem Thema Provinz / Provinzialität widmen“. Dies ist, hinsichtlich der in den Gedichten geschilderten Örtlichkeiten, nicht von der Hand zu weisen, dennoch folgen die hier versammelten Texte einem weiteren, sie verbindenden Motiv: der Flucht.

 

In der Mehrzahl scheinen es dabei nicht zwangsläufig Fluchten in eine bessere Zukunft zu sein, sie scheinen vielmehr dazu zu dienen, eine räumliche und zeitliche Distanz zur Vergangenheit zu schaffen. Dabei zeigt Kasnitz sich offen hinsichtlich der Richtung, die es einzuschlagen gilt: ins innere Exil hinter die eigene Haut, aber auch die Flucht nach vorne, mal vorsichtig Schritt für Schritt, mal aber auch gehechtet, wenn die Mauer im Rücken bereits gegen die Schulter drückt und einen Rückzug nicht mehr zulässt. Oft genug scheint dabei bereits der Weg ein erheblicher Teil des Zieles zu sein; die Hoffnung, dass sich schon nach den ersten Schritten Besserung einstellen möge, dass bereits eine Kleinigkeit die herbeigesehnte Veränderung bringen könnte, ist zu erahnen.

 

 

MIT HOHEM C (SAUERLAND)

 

Komm doch mit die Halme knicken

das Reisig brechen ein Reh

du kannst es kaum ertragen

 

da unten eine Wasserfläche

zum Zerschneiden mit bloßen Armen

 die sich spiegelnden Wolken sag adé

 

Autobahn sag lebwohl Staumauer

im Frühtau im ersten Licht

das sich durch das Laub schlägt valleri

 

 

Den Tag zu langen Drähten hält das hohe sprachliche Niveau der vorangegangenen Bände, wirkt im Vergleich zu ihnen jedoch deutlich reduzierter, komplexer, konzentrierter. Der eigene Kopf wird mehr gebraucht als je zuvor – für aufgeschlossene Leser ein angenehmes Gefühl.

 

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