Bei Fotos von Brecht denkt man an einen Postboten, den man in einer vormedialen Zeit gerne auf einen Schwatz in die Küche gebeten hätte, damit er einem von der Welt berichte. Betrachtet man Lentz, denkt man an einen Klosterbruder. Und sogleich kommt einem ungebeten Gerald Manley Hopkins durch den Kopf spaziert, der britische Jesuit aus dem 19. Jahrhundert, der sich ein Leben lang mehr oder weniger vergeblich bemühte, seine Neigung zur Lyrik zu unterdrücken. Heute gehört sein schmales Werk zu den meistzitierten der englischen Sprache:
Glory be to God for dappled things
For skies of couple-colour as a brinded cow;
For rose-moles all in stipple upon trout that swim...
Ehre sei Gott für gesprenkelte Dinge –
Für Himmel zwiefarbig wie eine gefleckte Kuh;
Für rosige Male all hingetüpfelt auf schwimmender Forelle ...
(Gerald Manley Hopkins: „Pied Beauty“, übersetzt von Ursula Clemen und Friedhelm Kemp)
Das ist Ekstase, ein Liebesgedicht an die Schöpfung, entstanden hundert Jahre vor Brechts Glücksgottlied. Wie wird man hundert Jahre nach Brecht die Liebe andichten? Wie die hundert Gedichte von Michael Lentz vielleicht, knapp und botanisch, eine Liebeslyrik, in der sich auffallend viele Todesbilder breitmachen ... Verse auf der Suche nach einer „Sprache der Liebe“, geleitet vom eiskalten Händchen des Niklas Luhmann. Der Schalk, der Lentz in Versen sonst gerne trägt, sitzt diesmal im Keller und schmollt.
wer nie sein handy mit tränen aß
wer nie das display durchweinte
wer nur die abgebrauchte sehnsucht kennt
weiß nicht was ich dulde ...
(Michael Lentz: „dir zu schreiben hab ich angst“)
Das parodierte Original zu dieser Stelle ist von Goethe und findet sich bei Wilhelm Meister, als Klage eines alten Harfenisten, die (so berichtete ihre Schwester dem Dichter) die Königin Luise zu Tränen gerührt habe. Andere Zeiten! In Lentz’ Band gibt es Verse, da ist schon der Titel so einleuchtend, dass man im Grunde gar nicht weiterzulesen braucht. Zum Beispiel:
Don’t drink and dial
Dieser Überschrift folgt das längste Gedicht der Sammlung, knapp fünf Seiten.
Mein persönlicher Liebling ist eine Ode an Blumen und Jahreszeiten:
kaum frühjahr
ist der krokus verblüht
was stellt er an das ganze Jahr
soll auch ich einfach verschwinden?
jedes jahr dieses große hallo
als sei weiß gott was geschehen ...
(Michael Lentz: „kaum frühjah“)
In diesen Versen meint die Botanik dann einfach nur sich selbst.