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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 13:24

Arne Rautenberg: gebrochene naturen

17.05.2010

Rautenbergs Lyrikband von vorne bis hinten gelesen

... und mir fiel dabei eine Menge ein, was mit den Gedichten nichts zu tun hatte. Das Protokoll einer Lektüre von BRiGITTE HELBLING.

 

ohnmachtslichter

 

das drehen der schönen

zwischen den schläfen

schlafenden

schafe

 

das scheren der schönen

schwärmenden funken im

himmlischen kind

 

das wenden der schönen […]

 

Abschweifung. Das passierte mir ziemlich oft beim Lesen der Gedichte von Arne Rautenberg, erschienen in dem Band gebrochene naturen des engagierten kleinen Verlags luxbooks. Ich las und dachte beim Lesen an andere Dinge.

 

Nicht interessantere Dinge, nur andere. Zum Beispiel:

 

Wo sind die ganzen Fest- und Feiergedichte hin? Von denen gab es doch mal eine Menge, kein Besuch eines Potentaten in einer Kleinstadt, ohne dass nicht der Stadtschreiber für die Abendausgabe der Zeitung gereimt hätte, keine siegreiche Schlacht, ohne dass nicht ein Dichter sein lyrisches Hurra! beigetragen hätte. Wer dichtet eigentlich für die Bundeswehr. Wer geleitet unsere Soldaten mit Vers und Zeilen nach Afghanistan, außer, sagen wir, Green Day.

 

Auf den ersten Blick ist hier wenig los

Tanz, dachte ich bei Arne Rautenberg auch. Das ist wie ein Abend mit modernem Tanz: Schöne Formen und Farben und eine Verführung in eine Welt, in der auf den ersten Blick nicht besonders viel los ist. Die Alltagsbeobachtung ist Rautenbergs Thema in gebrochene naturen, Vögel und Halme und Millionen verscherbelte Muscheln. Der Alltag ist vermutlich Kiel, da kommt der Dichter, geboren 1967, her. Er zeichnet auch als: Künstler, Essayist, Übersetzer, Dozent.

 

wespen

 

drei goldene wespen

prinzenhaft blitzend

drei goldene wespen

gallenhaft haspelnd

drei goldene wespen

sonnenlicht pfeifend

 

Rautenbergs Alltag und mein Alltag: Wo überschneidet sich das? In der Beziehung? „Geliebter, du bist so schön wie Rautenbergs Wespengedicht!“ Oder zum Kinde: „Töte die Wespe nicht, denk an das, was Rautenberg über sie geschrieben hat!“ Denkbar auch im Schulzusammenhang: „Kinder, lest diese Zeilen und erfindet dann selbst eine Geschichte, in der die Worte „gallenhaft haspelnd“ vorkommen!“ Man kann die Zeilen aber auch einfach so an sich vorbeischwirren lassen, klar.

 

Müssen Gedichte einen Nutzwert vorweisen können?

Nein. Gedichte müssen gar nichts. Schön ist natürlich, wenn sie als Äxte das gefrorene Meer in uns aufbrechen etc. jedoch: Das brachiale Spiel mit gereimter Emotionalität gehört heute eher in die Sphäre der Popmusik. Krude und eingängig, wie bei Culcha Candela: „Sie hat den - Monsta-Body mit dem - Monsta-Blick und ihr - Monsta-Boom Boom gibt mir den Kick!“ Um einen Staatsbesuch zu feiern, gibt es Phoenix TV und die Tagesschau.

 

metropole eichendorff

 

von einem alten deutschen baum

fiel ab ein altes deutsches blatt

flog aus nem alten deutschen traum

auf eine alte deutsche stadt

 

Denkbar wäre es, dieses Gedicht als Geschenk der Stadt Ratibor mitzubringen, wo Eichendorff herkommt, zum Beispiel bei einem Staatsbesuch der deutschen Regierung, die Zeilen in Bronze geschnitzt, allerdings nicht auf Deutsch sondern auf Polnisch: Ratibor heißt heute Racibórz. Das wäre dann auch eine Frage des Humors der Polen in Racibórz (und der deutschen Regierung).

 

Andere Fragen

krähen und ich

 

was hocken die krähen auf der straße

was hacken sie an einer nuss

was drückt mich über die maße

was denke ich was schreibe ich bloß

was bin ich jenseits vom rampenlicht

was sind die krähen was ist ein gedicht

 

Das sind auf sechs Zeilen insgesamt acht Fragen. Beim Nachdenken über mögliche Antworten fiel mir keine einzige ein.

 

schneeflocke

 

zunge

 

Dies ist ein sehr kurzes Gedicht. Eine Abschweifung erlaubt es nicht. Da es aber auch das letzte Gedicht der Sammlung ist, macht das nichts.

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