Eine der wenigen Literatur- und Kulturzeitschriften, die überhaupt noch regelmäßig Gedichte veröffentlichen, ist „Sinn und Form“ (rüstig wie zu DDR-Zeiten), und ich muss gestehen, dass ich die dort (man möchte fast sagen: pflichtgemäß) eingestreuten lyrischen Strecken oft ziemlich lustlos lese oder überlese. Das gilt insbesondere auch für die Hervorbringungen von Durs Grünbein, dessen lyrische Physiognomie mit schnell gestiegener Berühmtheit mehr und mehr ins Gipsbüstenhafte erstarrt scheint. Bildungslyrik solcher Provenienz mag sich noch so gerne auf Rilke berufen; in ihrer Angekommenheit und ihrer mit müder Souveränität gehandhabten Verfügungsvirtuosität spiegelt sie ein vom Überfluss des Zuhandenen ersticktes (allgemeines?) Lebensgefühl. Dichtung könnte dergestalt zum Synonym für Nicht-Leben werden. Womit nicht der finster-ehrwürdige Tod gemeint ist, sondern ein Schattenleben, das neben dem wirklichen Leben blass und pappkulissenhaft herläuft.
Schade eigentlich, dass sich die Begeisterung über einen Dichter wieder erst mal abstößt von einer Missbilligung. Sei’s drum. Vielleicht ist es sogar unabdingbar, die Naivität des eigenwilligen Dichters Horst Peisker so zu markieren. Naivität heißt hier: Fest auf die Haltbarkeit des beschädigten Ich vertrauen. Sich vor den lyrischen Traditionen nicht scheu auf den subjektiven Kahlschlag zurückziehen. Die eigene Erlebnisfähigkeit immer wieder im Gedicht thematisieren. Gelebtes Leben erzählen. Unsagbare Rätselgestalten aus der Nacht der Sprache, aber auch, Überraschungsfund wider Zeitgeist und alle Vernunft, die Lerche im Blau.
Horst Peiskers lyrische Familienzugehörigkeit verweist auf den poète maudit, und so liegt der Vergleich mit der von Charles Bukowski zur Sprache gebrachten Poesie-noire-Welt nahe. Die Intensität der lyrischen Verknappung und Verdichtung lässt bei Peisker freilich kaum so etwas wie ein atmosphärisches Behagen an der Rotlicht- und Kneipen-Realität am Rande bürgerlich saturierter gesellschaftlicher Ordnung aufkommen. Peiskers Balladen – er hat dieser Gattung des Erzählgedichts in seinem Oeuvre zu einer neuen Dringlichkeit verholfen – sind gesättigt mit Autobiographischem. Sie machen deutlich, dass theologische Topoi wie Purgatorium und Hölle innerweltliche Realität bedeuten. Peiskers balladeske Höllenfahrten – gekühlt dramatische und hochkomödiantische Reisen, durch Verlockung, Ekel, Routine und Überdruss hindurch – durchmessen kaum mehr als die paarhundert Meter der Leipziger Straße im „Kiez“ Frankfurt-Bockenheim, einen unendlichen, bodenlosen Seelen-Raum.