Wiedergabe subjektiver Realität
Macht die Reduktion Altmann zu einem „altmodischen“ Dichter? Nein, tut sie nicht, und sein Verzicht auf Experimente und Anglizismen stört mich nicht, vielmehr erfreue ich mich an dem, was seine Kunst zu einem Großteil ausmacht: Die Wiedergabe einer subjektiven Realität in Einzelbildern und Einzelheiten, aus denen er ein Ganzes zu formen vermag. Altmann transkribiert eine Momentaufnahme, ist dabei exakt und detailverliebt, gibt wieder und eröffnet Räume, hat aber gleichzeitig genug Vertrauen in seine Leserschaft, um sie nicht über die Schwelle schubsen zu müssen.
Und wie unnötig wäre das auch, denn nur zu gerne folgt man ihm in „seine“ Landschaften. Diese bestehen zu einem gewissen Teil aus naturalistischen, vertraut wirkenden Bildern (in den pappeln spinnt der wind weißen flaum; und an anderer Stelle: ein steg aus findlingen führt durch den uferschlamm zum meeresarm). Statisch könnte das werden, trocken und angestaubt wie der Landschaftskalender in so manchem Gästezimmer. Doch der Autor bricht die drohende Starre, indem er seine Landschaft personifiziert. Mal geschieht dies still und leise (der sommer ist ein schlafendes tier im weißen fell, das im eigenen schatten liegt. manchmal nachts wechselt es seinen platz. dann kann es regen geben), an anderer Stelle dramatisch (das klopfen des spechtes an der grenze zur nacht klingt schüssen ähnlich, die ihre erinnerung verfehlen) oder gar bedrohlich (und trotzdem streift ein heller schatten seine haut in meinen augen ab).
Nicht nur, dass es sich bei „Das zweite Meer“ um eine großartige Betitelung für einen Gedichtband handelt, das titelgebende Gedicht fasst auch alle Stärken von Andreas Altmanns Lyrik exemplarisch zusammen:
das zweite meer
um den sandsee schwimmen küstenspiegel.
die scherbenblätter wurzelloser bäume treiben
im steinfeld, das am ufer in den boden wächst.
der wind drängt leichtes licht durch ihre schatten.
festgeflogen hängen laute möwen in der luft.
die baumruinen zeichnen sich im himmel,
der das land berührt. an ihnen fließt die luft
in strömen. ich höre noch das dröhnen aus den
goldnen trichtern. und seh den spatz am tubarand
für einen augenblick verweilen als sie schwieg.
und jemand leise, leiser deinen namen spricht
als wärs sein echo. die feder liegt im wasserlaub
und zupft mit trocknen spitzen an den augen
wimpern. sie hat sich gerade erst im seegras
netz verfangen. früher hätt ich sie befreit.
Ein homogener Gedichtband auf hohem Niveau, der dem Leser auf die ohnehin bereits üppige Portion an Vielfältigkeit und Sorgfalt mit dem Cover die Sahne on top kredenzt: in komplementären Rot- und Grüntönen gehaltene, mit Buntstift fixierte Hirsche, die sich als stilisierte Körper wie Wasser und Luft (eben: das zweite Meer) elementar gegenüberstehen – manchmal kann es so einfach sein!