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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 13:12

Sarah Manguso: Komm her o Klarheit!

21.06.2010

Wunderschön aber seltsam

Sie gehört zu den aufregendsten Lyrikerinnen ihrer Generation. Bei luxbooks ist eine zweisprachige Ausgabe der Gedichte von der Amerikanerin Sarah Manguso erschienen. Von BRIGITTE HELBLING

 

Somewhere, all grown up, is the boy from home who once said you were beautiful but strange. You have since stopped trying to be one and not the other.

(Irgendwo, mittlerweile erwachsen, ist der Junge von früher, der zu dir sagte, du wärest wunderschön aber seltsam. Du hast seitdem aufgehört zu versuchen, das eine zu sein und das andere nicht.)

„The Typewriter“ / „Die Schreibmaschine“

 

Sarah Manguso, geboren 1974, ist Lyrikerin, Essayistin, Prosaschreiberin, ihre Texte und Gedichte erschienen im New York Times Magazine, im Esquire, in McSweeney’s Kulturzeitschrift Believer und bei McSweeney’s selbst, womit sie der nicht mehr kleinen Handvoll Autoren zuzuordnen ist, die über die von Dave Eggers & Co geschaffenen Plattform Ansehen und Definition gefunden haben. Manguso hat einen Abschluss vom renommierten Iowa Writer’s Workshop. Sie ist in Boston aufgewachsen und hat in Harvard studiert. Sie unterrichtet Creative Writing an der Columbia University. Mit Anfang 20 wurde sie von einer Autoimmunkrankheit befallen, die sie über Jahre aus dem Verkehr zog, eine Zeit, die sie in einer viel beachteten Memoire von 2008 beschrieben hat.

 

The real meaning moves from the specific to the general

but writing even a hundred poems about the same deer

is not necessarily about God.

(Die wahre Bedeutung wechselt vom Spezifischen zum Allgemeinen

aber selbst hundert Gedichte über denselben Hirsch zu schreiben

verweist nicht zwangsläufig auf Gott.)

 

„It’s a Fine Thing To Walk Through the Allegory“ / „Es ist eine feine Sache, die Allegorie zu durchqueren“

 

In der zweisprachigen Ausgabe von Mangusos Gedichten, die beim Verlag luxbooks erschienen ist, findet sich eine Auswahl von Lyrik aus den zwei Gedichtbänden, Siste Viator und The Captain Lands in Paradise. Die Auswahl bietet Prosagedichte und solche in Versform. Keine Reime. Auch nicht der Ansatz eines Spiels mit Refrain. Der Inhalt: beautiful but strange:

 

According to Buber, the Zulu word for far away is there where someone cries out, O mother, I am lost.

 

Some people argue that, in order to know anything at all, you have to do drugs all day long.

 

So come O clarity and bear me away in your silver arms! Come out and teach me stuff!

 

(Nach Buber lautet der Zulu-Ausdruck für weit weg: dort-wo-jemand-jammert-oh-Mutter-ich-bin-verloren.

 

Manche Leute meinen, um überhaupt etwas wissen zu können, muss man den ganzen Tag lang auf Drogen sein.

 

Also komm her o Klarheit und trag mich hinweg auf deinen silbernen Armen. Komm raus und lehre mich Zeug!)

 

„The Precision We Need Is of Another Earth“ / „Die Präzision, die wir brauchen, ist die einer anderen Erde“

 

Alltagsbeobachtungen und universelle Behauptungen spielen Pingpong auf den Verszeilen. Das Ergebnis liest sich, als würde eine Außerirdische im lyrischen Telegrammstil von einem ausgedehnten Besuch auf der Erde berichten. Den Kosmos sprechen die Überschriften gerne an, auch diejenige dieses Gedichts, aus dem die Verszeile stammt, die der deutschen Ausgabe – Komm her o Klarheit! – ihren Titel gibt.

 

As I age, things become clearer – clearer and clearer. Saying that is a sort of joke.

 

(Je älter ich werde, desto klarer werden die Dinge – klarer und klarer. Wenn man das sagt, klingt es schon wie eine Art Witz.)

 

„The Precision We Need Is of Another Earth“ / „Die Präzision, die wir brauchen, ist die einer anderen Erde“

 

Solch ein unverhofftes Nebeneinander von erhaben und banal sorgt für Komik, natürlich. Der Anblick bringt den Leser zum Lachen. Der Effekt ist vergleichbar mit demjenigen, den bestimmte Kunstinstallationen aus den 1990ern hervorrufen, Tracy Emin etwa mit ihren Zeltstickereien in „Everyone I have ever slept with 1963–1995“ oder die „Escape Vehicles“ von Andrea Zittel oder selbst Rebecca Horns „Typewriters“, antike Schreibmaschinen, die in der Hamburger Kunsthalle von der Decke hängen. Alles Frauen, alles Außerirdische (vermutlich).

 

When the deer run through the cabin, the air moves aside to accommodate them. The walls expand and contract, admitting and expelling deer.

 

It is a physics problem.

 

(Laufen Hirsche durch die Hütte, weicht die Luft zur Seite, um Platz zu schaffen. Die Wände weiten sich und schrumpfen wieder, Hirsche aufnehmend und von sich gebend.

 

Das ist ein physikalisches Problem.)

 

„Winter Poem“ / „Wintergedicht“

 

„Ist es nicht immer noch so, dass das Sumpern und Pumpern der Welt zumindest für Augenblicke aussetzt, sobald Poesie aufblitzt wie ein Wunder?“, schreibt Erwin Einzinger in seinem schönen Nachwort zu dieser deutschen Ausgabe. Der Dichter Ron Winkler, der Mangusos Lyrik übersetzt hat, ist nicht zu beneiden dafür, dass seine Übertragung immerzu mit dem Original auf der Gegenseite verglichen werden kann, samt fehlenden Verszeilen, Umständlichkeiten und allzu formloser Freizügigkeit. Die gute Nachricht: Sarah Manguso braucht für ihr Poesiewunder nicht dringend auch ein Übersetzungswunder; mit ein wenig Songtext-Englisch lassen sich ihre Botschaften weitgehend verstehen:

 

On Neptune it rains diamonds.

(Auf Neptun regnet es Diamanten.)

 

„Beautiful Things“ / „Wunderbare Dinge“

 

 – sagt die Frau, die sich später so beschreibt:

 

The light was shooting out of my eyes again.

I had a tattoo on my wrist, it was cool,

It meant I was all-powerful ...

 

(Wieder schoss das Licht aus meinen Augen.

Ich hatte ein Tattoo am Handgelenk, es war cool,

Es bedeutete, dass ich allmächtig war ...)

 

„They Are Unlike Us in Almost Every Other Way“ / „Sie unterscheiden sich von uns in fast jeder erdenklichen Hinsicht“

 

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