Und wie bequem kann es sein, sich an diese Direktive zu halten und weitere, andersartige Eindrücke oder gar Gedanken zu vermeiden, um Weltbild und Gehirnstruktur auf möglichst niedriger Flamme köcheln zu lassen. Nicht wenige träumen von geistiger Eingeschränktheit und praktiziertem Empathieverzicht, um sich das Leben tunlichst problemlos zu gestalten. Die dazugehörige Gegenbewegung, und die gibt es ja immer, zweifelt permanent, hinterfragt alles und jeden und findet erst in den Schlaf, wenn der Weg vom Samenkorn bis zum Frühstücksflake lückenlos dokumentiert ist.
Die vermeintliche Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Und auch Christoph Leisten – um nun dazu zu kommen, dass es sich um die Besprechung eines Lyrikbandes handelt – wirbt in den Gedichten seines neuen Lyrikbandes bis zur schwerelosigkeit für eine austarierte, in allen Sinnen verortete Wahrnehmung und Existenz, die weder an der Oberfläche erstarrt, noch in endloser Debatte versinkt. Gleich das erste Gedicht gibt die Marschrichtung vor, ist ein Plädoyer für ein (Er-)Leben ohne Dogmen und Selbstbeschneidungen:
VON LIDSCHLAG ZU LIDSCHLAG bleiben den augen
diese wenigen sekunden nur, bilder freizugeben,
bis die zährung sich wieder erschöpft, der tränenfilm
zu erneuern ist in jener dunkelphase von hebung
und senkung, ausgeblendet von neuronen, für die
nur das zählt, was anscheinend so offenkundig
vor augen liegt. die personifikation schon
war ein trug nur, mehr noch der versuch, leib
und seele in ihrer dunklen verwebung aus dem auge
zu wischen wie fremdkörper, partikel, die den blick
verschmerzen für das, was zwischen den lidschlägen
liegt: jahrtausendwechsel, zehntelsekunden, ein vers,
fragmente von sätzen oder eine ahnung, wie es weiter-
gehen würde angesichts des aufblühens von augentrost
in diesem garten, aus dem die liebe kommt oder der tod.