Richtige Lyrik im Falschen
In der Auswahl und Hängung dieser Galerie wird auch die Position deutlich, die diese Gedichte politisch beziehen: Sie wird im Negativen vor allem der Rollengedichte sichtbar, bleibt aber strikt. Was der Band einfordert, ließe sich vielleicht als Integrität der Person, als Trennung ökonomischer und privater Persönlichkeitsanteile umreißen. Die Kritik an Gier und Egoismus lässt am Horizont den Raum für das erhoffte Unverkäufliche offen, ohne dass es benannt werden würde (Vielleicht noch am ehesten im zartesten Gedicht des Bandes, Begegnung, der auch hier sich kühlend zwischen die Sinnlichkeit und den Ausdruck stellenden Reflexion zum Trotz). Nicht zuletzt stehen Ausbeutung und die sie bemäntelnde Heuchelei nebeneinander am Pranger.
Dieser philanthropischen Position ist wenig entgegenzusetzen. Und gerade deshalb ist der Umweg, auf dem Steinbrück formuliert und gestaltet, so wertvoll, ja nötig. Die Gedichte werden nicht zu schlüssig, zu eindeutig, zu moralisch. Der Körper dieser Lyrik bleibt rätselhaft, offen, nicht auszurechnen ohne irrationale, spontane Regungen. Der inhaltliche Tenor dagegen bleibt klar.
Hervorzuheben ist die Kraft des einzelnen Bildes, das Steinbrück oftmals findet. Die Dichte des concetto, wenn beispielsweise im Gedicht Sei versichert plötzlich kein Gletscher lila kalbt, nachdem die Assoziation durch die Nennung einer »heiligen Kuh« vorbereitet wurde, ist bemerkenswert, und es ist eine Freude, sie zu bedenken und zu verfolgen. Vom Rückzug der Eismassen aus den großen Schalen der Gebirge bis zur Milchschokolade nebst Werbekuh und zur Eventisierung des Zerfalls ziehen sich unabsehbare Fäden aus diesem Vers. Aber es ist nicht nur das aparte Sprachmaterial, das hier besticht. Ein Blick wird hier auf die Insektennadel gespießt und ausgestellt, ein Blick, der von mediensatter Zeitgenossenschaft so kaputt ist, dass der Gletscher ihm gegenüber nie mehr Landschaft sein kann. Hier sind Augen blickdicht geworden: was sich ihnen nähert, prallt vom Glas einer Bildröhre ab.
Die Gedichte in Blickdicht drehen in solchen Momenten durch, rotieren gleichsam auf der Stelle und verleihen recht ernsten Scherzen nicht selten den Grundgestus einer todtraurigen Clownerie, in der man sich findet oder verfängt. Die Zusammenhänge, die hier beschrieben werden, geraten zu einem verbalen Treibsand, dem gegenüber die Zopfzeit der rettenden List längst vorbei ist. Vielleicht kann es doch richtige Lyrik im Falschen geben.
