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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:11

Der Renaissancedichter Pietro Bembo

21.05.2011

Der Garten als metaphorische Lebensader

Wenn der Name Pietro Bembos, der gestern seinen 541. Geburtstag gefeiert hätte, heute überhaupt noch fällt, dann zwar mit Anerkennung, aber ebenso im Vorbeigehen wie gezwungenermaßen mit einem Gestus des Spezialwissens, der den flächendeckenden Auswirkungen seiner Feder kaum gerecht werden kann. Umso mehr sollte die Möglichkeit ergriffen werden, ihn ohne die runden Zahlen eines Jubiläums, aber mit der Neuübersetzung eines seiner Gedichte zu feiern. Von TOBIAS ROTH

 

Bembos Verdienste um die Verbreitung des Petrarkismus (Curtius spricht gar von einer »Pest«) und seine Bedeutung um die Festigung des humanistischen Latein als ciceronianisch und des modernen Italienisch als toskanisch sind groß, ein Gebirge aus dem bedruckten Papier, auf dem die europäische Kultur steht.

 

Auch abseits solcher Taten, die sich in der Auswirkung und der Folgezeit mehr und mehr als Großtaten erwiesen haben, sind wundervolle Texte in Bembos Leben entstanden. Man könnte es abenteuerlich nennen, mit Kants Bestimmung im Hinterkopf, dass abenteuerlich ein Leben ist, das wie ein Roman scheint. 1470 in eine venezianische Partizierfamilie geboren zu werden, ist hierzu sicher förderlich. Es müssen nun nicht die Stationen der Biographie referiert werden, aber knapp sei etwa daran erinnert, dass er seit 1501 gedruckte Editionen Petrarcas und Dantes herausgab, dass eine Lucrezia Borgia zu Bembos (zahlreichen) Liebschaften zählte, dass der erfolgreiche Pfründenjäger und Dichter eine der Hauptfiguren in Castigliones Libro del Cortegiano ist.

 

1539 empfing er die Priesterweihe nur, um von Papst Paul III. Farnese zum Kardinal gemacht werden zu können; den Titel erhielt er ja nicht für seine Frömmigkeit oder Verdienste um die Kirche, sondern weil er als »doctrina et eloquentia nostrae aetatis facile princeps« eingestuft wurde: mit Leichtigkeit Fürst der Beredsamkeit unserer Zeit. (Das waren noch Zeiten. Heute werden nicht einmal mehr Kultusminister aufgrund ihrer Bildung und Beredsamkeit ernannt.)

 

Das lateinische Gedicht Priapus nun fällt in den Bereich der kleineren, wenig bekannten Werke Bembos. Die Rede des Garten- und Fruchtbarkeitsgottes ist ganz antikes Thema in antikem Gewand. Die Traditionslinie der Priapus-Gedichte, der sog. Priapeen, läuft weit, durch die Satiren des Horaz wie durch die ungedruckten Teile von Goethes Römischen Elegien (dort wird ein Priapus beauftragt, die Diebe im Obstgarten nicht zu behelligen: frei pflück und genieße, wer mag. / Nur bemerke die Heuchler, entnervte, verschämte Verbrecher; / Nahet sich einer und blinzt über den zierlichen Raum, / Ekelt an Früchten der reinen Natur, so straf ihn von hinten / Mit dem Pfahle, der dir rot von den Hüften entspringt.) und die Linie ist unabsehbar.

 

Auch bei Bembo spricht der Gott aus Feigenholz in eleganten Distichen und aus seinem Gartenreich heraus. Mit dem Garten als metaphorischer Lebensader entfaltet das Gedicht auch seine schelmische Didaktik und Diätetik. All das bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung, wie gute erotische Lyrik stets. Auch scheint sich ein Stellenkommentar zu erübrigen, da Bembo recht zurückhaltend mit Anspielungen auf klassisches Bildungsgut umgeht und wir die wenigen Eigennamen (wie das für seinen Honig berühmten Hybla auf Sizilien) rasch bei Bedarf ergoogeln können.

 

Der lateinische Text des Gedichtes wurde vor einigen Jahren wieder in der Harvard University Press gedruckt und zugänglich gemacht. Die metrische Übersetzung ins Deutsche erschien erstmals 2011 in den Berliner Renaissancemitteilungen.

 

Priapus

von Pietro Bembo, wohl um 1500

 

Mehr als alle anderen Pflanzen um mich im Garten
Zieht besonders ein Kraut Hände der Mädchen auf sich.
Dieses pflücken sie nicht, um sich kreisende Kränze zu binden,
Dass, geflochtene Glut, leuchte von Blumen das Haar;
Nicht, um am Feiertag die Schwelle des Tempels zu schmücken,
Wenn verehrendes Volk strömt zu der Väter Altar;
Nicht, um ein Fläschchen mit den kostbaren Düften zu füllen,
Die als Tropfen so weich langsam im Feuer vergehn.
Und es ist weder Amarant, noch Kohl oder Rübe;
Ringelblume ist’s nicht, glänzend in dämmerndem Gold;
Nicht der flüchtige Ampfer; nicht der Schlafmohn der Ceres;
Nicht das Wundergewächs, das den Ärzten oft hilft;
Nicht die Artischocke, die wir zum Nachtisch genießen;
Auch, Akanthus, nicht du, der du die Künstler bemühst;
Nicht die Pflanze, die sich dreht zum Leuchten des Phöbus;
Nicht die Blume, die man nach einem Jüngling genannt.
Weit ist’s von jenen entfernt und weit im Gebrauche verschieden,
Denn zunächst wuchert es aus einem zweifachen Fuß.
Glatt dehnt es sich in einen Stängel, rücklings gebogen,
Und das breitere Haupt drohet gerötet empor.
Ganz bleibt es sich gleich, ob der Schnee alles ausbleicht,
Ob des Hundes Gestirn trocken den Boden zerreißt.
Niemals schreckt es zurück und immer kann man es pflanzen,
Nirgends findet es nicht ordentlich wachsend sich ein.
Keiner bestimmten Erde oder Pflege bedarf es:
Quäl’ es, wie du nur willst, reichlicher Samen entsteht.
Ob du die Samen in Furchen streust oder ein tiefer
Grund den Steckling umfängt, stets wird es sicher gedeihn.
Und sobald der junge Wald erst anfängt zu wachsen,
Strecken Reichtümer sich, springt die Verschwendung empor.
Dann werden echte Tränen dem höchsten Wipfel entströmen,
Süß, hybleischer Berg, süß wie dein Honig nicht wird.
Seine Freude ist es, oben ergriffen zu werden,
Wachsen wird’s wie von selbst, wenn du es richtig berührst.
Ebenso ist es (denn es steht ja ganz unter meinem
Schutz: es glaubt keine Frau, dass ich zu sprechen vermag)
Jenes, das begabte Mädchen genießen zu halten,
Rundherum mit der Hand, ununterbrochen und zart;
Oft auch mit geneigtem Gesicht ihm Küsse zu geben,
Lang es zu halten und sacht, bebend im wärmenden Bad.
In der Wärme hebt es sich aus seinem dünnen Gewande,
Lächelnd sehen sie es vor sich inmitten der Hand.
Da bewundert die neue Gestalt das einfache Mädchen,
Staunt vor wuchernder Form, ungewöhnlicher Pracht.
„Dich verehre ich, du große und göttliche Pflanze,
Du wirst mein Szepter sein, du seist die Stütze für mich.“
Sprach sie und ohne zu zögern reißt sie die Kleider vom Leibe,
Eifrig zieht sie, voll Durst, zu sich und auf sich den Quell.
Rings umflossen überschwemmt sie geflochtene Körbe,
Und wie viel sie auch trinkt, gibt sie doch reichlich zurück;
Üppig füllt das Kraut den Busen mit seiner Ernte,
In den Übeln der Welt einzig ein sicherer Ort.
Für die Gattin, deren Mann nach Übersee eilte,
Die er unwürdig ließ, einsam und darbend daheim,
Die verwitwet abmagert und im Bette verödet,
Wird die Faser des Krauts stärkende Nahrung sein.
Wenn der schweigende Pfeil sie ins schmelzende Herz trifft,
Wird ihr Hilfe zuteil von dem getrunkenen Saft.
Eine, die bleich ist, erhält durch einen verschlungenen Stängel
Rote Wangen zurück, während sie diesen noch isst.
Eine, die vom Weinen geschwollene Äuglein bekommen
(Jene Sorte kann stets blindlings in Tränen vergehn)
Wird, benetzt vom leichten Tau aus der Spitze der Pflanze
Wieder fröhlich gemacht in ihrem Auge und Herz.
Eine, die von schwarzen Träumen schlaflos gequält ist,
Schläft bald wieder beruhigt, hat sie den Samen genascht.
Wünscht sich eine Jungfer, endlich Mutter zu werden,
Und beklagt sich deshalb über vergeudete Zeit,
Steht ihr (dass nicht das Alter sie unfruchtbar zeige) jene Wurzel
Stets zur Hilfe bereit, wird sie nur zeitig gebraucht.
Wird eine Frau schließlich schlecht von ihrem Gatten behandelt,
Schlinge sie’s gierig hinab, und sie vergisst den Verlust.
Und je mehr sich die Finger und der Mund damit füllen,
Umso sicherer ist, dass es ihr umso mehr schmeckt.
Einige halten’s im weichen Schatten, ich trage es offen:
Solch vorzügliches Kraut sieht sich nicht gerne bedeckt.
Willst du den Namen wissen? Es ist die winzige Minze.
Lachst du? So war’s genannt in dem beredsamen Rom.
Bei den gelehrten Menschen heißt es „Menta pusilla“,
Mir, dem Unwissenden, scheinet es groß, fast zu groß.
Schont mich, Romuliden!, ich irrte in einem Wörtchen:
Wem denn schien das Ding jemals tatsächlich zu groß?

 

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