Unversehens prosaiert
Auch ein komplementärer Topos aus dem Bereich der Nautik wird auf den Wellenkämmen poetologischer Überlegung im Gedicht sichtbar: die Flaschenpost (seit Grünbein wieder virulent, und so gewendet, dass sie nicht mehr das Herzland vermüllt). Sie taucht im Zyklus der Ansichtskarten auf, plötzlich entdeckt an einem sizilianischen Strand. Aber bevor noch klar wird, ob hinter dem grünen Glas tatsächlich ein Zettel wartet oder es nur ein Lichtreflex ist, reißen im Gedicht Brand und Diebstahl verschiedene Datenträger mit sich. Die Flaschenpost erhält die neue Facette der Freiheit vom fixierten, geordneten Dokumentenballast, die neue schwere Übung des Vergessens und Entleerens in der Datenüberfülle: alle Postkarten verschickt kein Souvenir / mehr endlich sagt sie / jetzt komm.
Ein weiterer Zug des Bandes ist die Verweisung des Kunstgebildes auf andere Kunstgebilde, um der Welt nahe zu kommen und beide Ufer erreichen zu können. Diese bukolische Lektion, so könnte man es nennen, ist tief in die Gedichte eingeschrieben. das Laub vorm neonbeleuchteten Kiosk / beansprucht ein Bleiberecht wie das / getrocknete Öl stiller Leben. Die Texte nehmen Bezug auf die stille Künstlichkeit aller gesellschaftlichen Gegenwart, die doch noch nicht zur nature morte versteinert ist. Die Szenerien kommen hier oft mit höchster Sparsamkeit aus, wie etwa in Erinnerung, unangebahnt. Da genügt ein Wir, ein Theater, ein Theater im Theater, ein Maler. Die Offenheit der Syntax und der streckenweise Verzicht auf Satzzeichen erzeugen hier oft ein feines Sfumato.
Der zuweilen aufblitzende Widerspruch zu diesem offenen, schlierenziehenden Sfumato, namentlich das scharfe disegno der Fach- und Wissenschaftsbegriffe, die sich immer wieder einschleichen, wird von Trautsch ironisch oder sinnlich zurückgenommen. Der Inhalt, den die seminarvokabular (ungereimt mit / postrukturalistischer präzision) liefern, scheint zwar zuweilen unverzichtbar, aber sie kommen nicht ungeschoren davon. Am Gedicht Tage im März, ein Hohelied der Sinnlichkeit, lässt sich die Ambivalenz des Fachworts, dieses gefährlichen Verbündeten, ablesen. Schlägt die zweite Strophe unhintergehbar lyrisch in die Sinne durch (Zwei Silben für Protuberanzen / aus Klängen, / nach Hertz zu verorten, / und Lärm, / Stimmengeschlechter, die sich weich / unter Maschinen- / und Vögelfugati heben (...), scheinen andere Verbindungen wie Windhauchtangente, olfaktorischer Springflut oder Reizrhapsodie zu präzise der Prosa der Wirklichkeit zu Leibe rücken zu wollen – und prosaisieren sich dabei unversehens selbst.
Asmus Trautschs Gedichte nehmen eine schwere Arbeit am Topos vor. Gewiss ist da viel Bildungsgut und ein spezielles Vokabular, das viel Vorwissen verlangt. Das geht für den Leser nicht leichtflüssig. Aber das geschieht und das Wissen wird mobilisiert, wie einleitend bereits bemerkt, in einer Form und Geste als Bestandteil des direkten, sinnlich denkenden Lebens. Die Zeit spielt da keine Rolle, denn hinter der sogenannten Aktualität oder Authentizität verbirgt sich oft das Missverständnis, ein Neubau ginge mich tatsächlich mehr an als ein Altbau; oder, ins Lyrische gewendet, derjenige, ich sei einem Gedicht bereits näher gekommen, weil mir sein Sprach- und Informationsregister nahe liegt. Hier kommt beides zur Sprache, eine synästhetische Wahrnehmung, die auch einen Zeitsinn mit einschließt. Es sind ja nicht Pollen nur, / Steine sogar, weißt du, / auch die der römischen Apsiden / rühren wie ein Akkord an den Cilien.
