Aber Humor!
Ein weiterer »Überlebender«, der sich und seiner Literatur in all den Jahren treu geblieben ist und den Kontakt zu den Weggefährten gehalten hat, ist Urs Böke, Herausgeber des bereits erwähnten Zines Maulhure, der seit 1992 kontinuierlich Veröffentlichungen von (hauptsächlich) Lyrik in Fanzines, Zeitschriften, Anthologien und Tagespresse vorzuweisen hat. Nach mehreren Einzelbänden (zuletzt: Das Land gefährden im bereits erwähnten PO EM PRESS Verlag) erfährt er bei seiner aktuellen Buchveröffentlichung die Unterstützung von drei weiteren Autoren. Wir kamen in Frieden, 2010 im Songdog-Verlag Wien erschienen, kommt als literarisches Quartett daher und enthält neben denen von Böke auch Gedichte von Jörg Herbig, Markus Hintzen und Jerk Götterwind. Dabei scheinen sich hier genau die Richtigen gefunden zu haben, denn die Texte passen zusammen wie Stulle und Nutella.
Urs Böke wird die Aufgabe zuteil, diesen Splitband zu eröffnen. Weder seine literarische noch seine geographische Heimat verleugnend, hat sich an seiner Schreibe im Laufe der Jahre erfreulich wenig geändert. Noch immer steht er an der Theke, noch immer die Erinnerungen an die Auswärtsspiele von Rot-Weiß Essen, an die Verflossenen, an die Nachmittage auf dem Fußballplatz, der Tod in wechselnden Facetten, aber immer mit dem gleichen hässlichen Gesicht. Ich muss zugeben, dass ich die ersten Gedichte von Urs Böke, auf die ich 1994 aufmerksam wurde, allesamt wieder und wieder lesen musste, um erst dann die Zartheit zu entdecken, die ihnen innewohnt. Seine Sympathie für die Außenseiter, die seiner Schutzlosigkeit vor dem Gefühl geschuldete Verletzlichkeit: Keine Welten die ich dir geben kann / selbst der eigene Ort überfordert total.
Von Jörg Herbig, wie Böke 1975 geboren, hatte ich bis dato noch nichts gelesen. Herbigs Gedichte sind auf Vers gebrochene Prosa, die ungekünstelt daherkommt. Auch er hält Rückschau auf Kindheit und Jugend (... / Später im Laufe des Tages stach mir / eine Packung Big Red-Kaugummis / ins Auge, und das Zimt-Aroma, das / sich beim Kauen auf meiner Zunge / ausbreitete, erinnerte mich augenblicklich / an meine Schulzeit, an alte Freunde, an / die großen Pausen und an Kristina, aber / auch an meinen gebrochenen Arm, als / wir gerade den Nationalsozialismus in / Geschichte durchnahmen und unser / Lehrer im Unterricht meinte, dass sich / zu seiner Zeit keiner hätte den Arm / brechen dürfen), auch er ist kritisch mit Staat und bürgerlichen Konventionen. Herbig gestattet sich eine üppige Portion Sentimentalität, schreibt von Beziehungen, von Liebe bis zur Selbstaufgabe, doch selbst damit schafft er es nicht, seine Gedichte kitschig oder verzärtelt erscheinen zu lassen.
Auch die Gedichte von Markus Hintzen bewegen sich eher prosaisch vorwärts, Antriebsfeder scheint einheitlich ein alles überlagerndes Hassgefühl zu sein, mit dem der Autor seiner Umwelt, der Gesellschaft und auch der eigenen Person begegnet. Trotzig-naiv kommt es daher, wenn er seine Texte mit Ich will euch und eure scheiss / Welt nicht und ich habe sie nie / gewollt oder Zur Zeit habe ich auf nichts Lust. / Nein, schlimmer, auf einige Sachen / hätte ich durchaus Lust, doch ich / kann mich nicht motivieren sie / anzugehen eröffnet. Nichts gegen Hass, Ablehnung, Trostlosigkeit, Aggression oder Resignation, allesamt durchaus Befindlichkeiten, die ich nachvollziehen kann, aber mit diesen Gedichten werde ich auch unter Aufbietung meines negativsten Denkens nicht warm. Sein disintegrierender Grundtenor mag ihm bei der Mitwirkung in den Punkbands DISANTHROPE und ATTENTAT in die Karten spielen – hier tut er es leider nicht.
Mit Jerk Götterwind schließt ein Autor dieses Buch, der wie Böke bereits so einigen Pferden des literarischen Untergrunds die Sporen gegeben hat. Götterwind, Herausgeber verschiedener Fanzines und Anthologien, Bullterrier-Freund, Sänger, Übersetzer (Jack Black: Der große Ausbruch aus Folsom Prison, gemeinsam mit Axel Monte), etliche Einzelbände mit Gedichten und Kurzgeschichten, erzählt von Nächten mit künstlichem Licht, von Lesungen, der Entjungferung seiner Ohren durch Motörhead (Und als ich das Cover sah / Hatte ich nur den Wunsch / Eines Tages auch so / Unfassbar hässlich zu werden / Wie diese Männer), von einem von der 4. RAF-Generation träumenden Freund, vom Besuch einer Glaubensgemeinschaft und wie er die ungebetenen Besucher los wurde ... Auch in Götterwinds Gedichten schlägt eine sentimentale Rückschau zu Buche, die Erinnerung an die Gier nach Abenteuer, an um die Ohren geschlagene Nächte, an Inter-Rail und einen dubiosen Unfall beim Holzhacken, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Trotz größtenteils derber Thematik ist bei Götterwind immer Humor im Spiel – vielleicht Galgenhumor, aber Humor!