Plötzliche Bewusstmachung
Und trotzdem handelt es sich um Gedichte, um Gebilde also, die in einer besonderen Weise mit der Sprache selbst beschäftigt sind, ihrem Eigenleben auf der Spur und tief verschworen. Wenn man in diesem Band einer Reihe von ganz außergewöhnlich starken und gleichwohl zarten Liebesgedichten begegnet, so hat man sich mit dem Dichter ganz offensichtlich vom Tiergedicht in allen möglichen thematisch bedingten Variationen weit entfernt. Dass sie dennoch in diesen Zusammenhang gehören, kann man nur bemerken, wenn man einer reizvollen und tiefgründigen Sprachbeobachtung des Dichters nachzugehen bereit ist.
Denn die Sprache bewahrt die vergessene und verlorene Zusammengehörigkeit von Mensch und Tier eigensinnig auf, indem sie, wenn die Namen von Tieren fallen, diese Namen in vielfältiger Weise auch zur Bezeichnung menschlicher Verhältnisse zu verwenden gestattet. Ist der Konflikt eine zwischenmenschliche Grundsituation, so hält die Sprache eine Vielzahl kaum noch metaphorischer Tiernamen als Schimpfwörter bereit: Schwein, Hund und Esel, auch dumme Kuh oder alte Ziege, werden die häufigsten sein und bilden jeweils eine typische Konfliktsituation ab. Bestialität ist angesagt, der Kanake mutiert unversehens zur Kakerlake, der Fremde und der Außenseiter zum Ungeziefer.
Aber auch zärtliche Beziehungen werden mit Tiernamen ausgedrückt, oft im Diminutiv: mein Häschen, mein Mäuschen, Ferkelchen, Zottelbär usw. Man kann nun sehr deutlich bemerken, dass das einigende Band der hier versammelten Gedichte nicht thematisch durch den beobachtenden Blick auf das Tier gegeben ist, sondern dass sie zusammenhängen, indem sie sich möglichen Variationen der Verwendung von Tiernamen in der Sprache zuordnen. Es scheint sich, so gesehen, um eine rein formalistische Zusammenstellung zu handeln. Aber dem ist nicht so.
In eindringlicher Beobachtung dessen, was die Sprache tut, wenn sie gesprochen wird, hat Mikael Vogel sie nämlich als das Haus entdeckt, in welchem Mensch und Tier immer noch so nahe beieinander wohnen, wie sie es immer getan haben. Seine Gedichte schöpfen aus dem Quell der Sprache diese intime, den Menschen einerseits peinliche, andrerseits aber ihr Wesen grundlegend bestimmende anthropologische Wahrheit hervor: dass Mensch und Tier sich nicht unterscheiden lassen, wenn man sie nicht aufeinander bezieht – eine Wahrheit, aufbewahrt im beinahe gedankenlosen Sprachgebrauch der alltäglichsten Art, jedoch, plötzlich bewusst gemacht, zutiefst erschreckend, bevor man sie auch als befreiend erkennen kann.
Im klassischen Tiergedicht ist ebenfalls stets vom Menschen die Rede, aber die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist dort im Grunde allegorisch. Bei Mikael Vogel ist sie substanziell. Und so sitzt einem schon mit der Lektüre des Eröffnungsgedichts dieses Buches der Schreck im Nacken: Hier handelt es sich unüberhörbar um mich.
Arme Kakerlake
Prinzessin in der Scheiße
die du ausharrst in den Abwasserrohren, im Untergrund
Der Regierungswechsel wird nicht kommen
Die Atombombe derart verbessert daß auch du sie nicht mehr überlebst
Mikael Vogels Gedichte sind, bei aller durchgehaltenen Ernsthaftigkeit ihrer Diktion auch dort, wo ein bärbeißiger Humor zum Vorschein kommt, leichte, wenn auch nicht überall leicht zugängliche Gebilde. Sie gleichen Spinnennetzen, und wer sich in ihnen verfängt, den lassen sie nicht wieder los.
