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Dienstag, 07. Februar 2012 | 06:19

Hermann Peter Piwitt: Jahre unter ihnen

24.08.2009

Überfall auf die Horde

Hermann Peter Piwitt charakterisiert mit pointierten Beobachtungen eine aberwitzige Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Normalität und Irrsinn ins Schwimmen geraten sind. Von THOMAS SCHAEFER

 

„Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren”, schrieb Lessing, der Mann der Aufklärung, 1772 in Emilia Galotti. 234 Jahre später sagt der Erzähler in Hermann Peter Piwitts Jahre unter ihnen: „Um verrückt zu werden, genügte es, daß man lebte; soviel hatte ich begriffen“. Soviel zum Thema Fortschritt. Andererseits gibt es beruhigende Perspektiven: „Ist man einmal verrückt, ist alles einfach. Aber wie schwer ist der Weg dahin!“

Von diesem Weg erzählt Piwitts Roman. Wobei „Roman“... Es handelt sich eher um eine Kette von Szenen, Beobachtungen, Reflexionen, vor allem aber eine Sammlung exquisiter Aphorismen, deren fragmentarischer Charakter dem Stoff die adäquate Form verleiht, aufgezeichnet in jenem für Piwitt typischen surreal-verdichteten Stil, dessen assoziative Brüche und Sprünge ein Grund dafür sein mögen, dass dem 1935 geborenen Hamburger bis heute der Ruf als notorischer Geheimtipp anhaftet.

Verrückt geworden ist der Bruder des Erzählers, ein ehemals erfolgreicher Architekt, dessen Leben sukzessive abglitt: berufliche Misserfolge, eskalierende Scharmützel mit Ämtern und Banken, schließlich der Zusammenbruch, die Einweisung in die Psychiatrie. Ein klassischer Fall, doch es genügt, dass man lebt, um verrückt zu werden. Das betrifft nicht nur die ganz offensichtlich Verhaltensauffälligen. Wie steht es zum Beispiel um jene Normalbürger, die ihre kostbarste Lebenszeit, den Urlaub, vertreiben, indem sie an einem Strand herumstehen: „Und dabei spähten sie wie Wächteraffen umher; als rechneten sie jederzeit mit einem Überfall auf ihre Horde, entweder vom Meer her oder aus den Bergen landeinwärts, von wo der Wind unaufhörlich Plastiktüten und Mörtelstaub von den Baustellen durch die Gassen zwischen den Hotelriegeln trieb“. Menschen, die zulassen, dass sie auf den Status als Konsumenten, Arbeitnehmer und Amüsierwillige reduziert werden: „Sie langweilen sich. Sie können nicht traurig sein; einfach traurig, daß sie leben“.

Es sind solche Beobachtungen, mit denen Piwitt eine aberwitzige Gesellschaft charakterisiert, angesichts derer die Grenzen zwischen Normalität und Irrsinn ebenso ins Schwimmen geraten wie die Identität des trotzigen Erzählers, der am Ende seinerseits verrückt wird, allerdings mit Stil. „Das einzige, was zählte, war davonzukommen“, bilanziert er und entzieht sich den Zumutungen seiner Umgebung, um zum guten Schluss ein Pferd zu umarmen, wie Nietzsche. Er hinterlässt ein brillantes Bild unserer Zustände, dem wir pointierte, sarkastische Aperçus verdanken: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Gott, Christus und der Heilige Geist. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Immer kommen sie zu dritt. Und man ist allein“.

Aufschlussreiches Gespräch mit dem Publikum

Drei Jahre nach dem Erscheinen des Romans kann nun auch hören, wer nicht lesen will. Wobei die von Piwitt vorgetragenen Romanauszüge, in denen es um des Bruders Faible für Friedrich den Großen und eine – allerdings ausgesucht bezaubernd gehaltene – Liebesgeschichte des Erzählers geht, kaum angetan sind, das Romanganze zu repräsentieren. Aufschlussreicher dagegen die halbstündigen Auszüge aus dem der Lesung folgenden Gespräch mit dem Publikum, in dem Piwitt auf so kluge wie humorvolle Weise Auskünfte zu seiner Arbeit und dem Roman erteilt. Dabei verweist Piwitt darauf, dass wir in einem geschlossenen System zu leben scheinen, „aus dem es kein Entrinnen gibt“, weil wir unsere „neokonservative Welt“ so erleben, „als sei sie das Leben selbst“, „als sei gar nichts anderes denkbar“. Und personifiziert doch die Utopie des Entrinnens: Denn dass Anderes denkbar und mithin vielleicht ja doch sogar machbar ist, dafür ficht Piwitt mit der Energie eines Sisyphos, indem er dieses „andere“ beschreibt wie kaum ein Zweiter: „Ich dachte: nie ein Haus gebaut, nie ein Kind gezeugt, nie bei einer Hure gewesen. Soweit die Haben-Seite. Ich hatte nichts versäumt. Ich hätte gern gelebt“.

 

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