Eines Morgens steht der Sinologe Hinrich Schepp vor dem Leichnam seiner Frau. Es sieht so aus, als hätte der Tod sie beim Korrigieren eines der Aufsätze ihres Mannes überrascht. Doch dann muss der 65-jährige Gelehrte feststellen, dass es ein fast vergessener Erzähltext von ihm ist, den sie zuletzt unter der Feder hatte. Und indem er sich in das einst Geschriebene und die neuerdings hinzugekommenen Kommentare und Ergänzungen einen Tag lang vertieft, brechen ihm plötzlich sämtliche Gewissheiten weg, auf denen sein Lebensglück ruhte. Oder ist das Ganze doch nur ein böser Traum?
Wenn er zurückblickt, ist er von Dankbarkeit erfüllt. 65 Jahre alt ist der Sinologe Hinrich Schepp, ein Gelehrter, wie man ihn sich weltfremder nicht vorzustellen vermag. Vergraben in seine Bibliothek, halb blind hinter dicken Brillengläsern hervorblinzelnd, unfähig zu den einfachsten Dingen des Lebens. Aber um die muss er sich gar nicht kümmern, dazu hat er Dorothea, seine Frau. Die ließ ihm zuliebe einst ihre eigene Karriere sausen, zog zwei Töchter groß und legt seit nunmehr 29 Jahren akribisch letzte Hand an alle Publikationen ihres Mannes.
So wundert es Schepp auch nicht im Geringsten, als er eines Morgens aufwacht und sie über seinen Schreibtisch gebeugt findet, scheinbar eingeschlafen überm Korrigieren. Allein das ihn tief berührende Bild täuscht. Denn Dorothea ist tot und, als sei das des Entsetzlichen noch nicht genug, Schepp muss feststellen, dass sie ihre letzten Tage und Wochen hinter seinem Rücken zu einer Generalabrechnung mit ihrem gemeinsamen Leben benutzt hat. Vor ihr liegt ein Jahrzehnte alter Romanentwurf ihres Mannes. Darin versuchte der sich einst an einem wild-exotischen Wunschbild seiner selbst. Für Dorothea scheint es das Eingeständnis einer Lebenslüge, ein lächerlicher Wunschtraum, dem sie die eigene hoffnungsvolle Existenz geopfert hat. Nun finden sich zwischen den Zeilen mit letzter Kraft gemachte, bittere Anspielungen auf alte und neue Affären ihres Mannes, die auf das Lächerliche einer Figur abheben, die Mut immer nur in der Fantasie bewies. Und Schepp wird nach und nach gezwungen, sich mit den Vorwürfen einer Toten auseinanderzusetzen.
Trügerisches Gelehrtenglück
Matthias Polityckis erste Novelle ist so streng komponiert, wie es das traditionsreiche Genre erfordert. Raffiniert greifen die einzelnen Handlungselemente ineinander, werden erzählerische Gegenwart, durch Schepp erinnerte Vergangenheit sowie der einst unvollendete Prosatext samt den sarkastischen Kommentaren, mit denen die Gelehrtengattin ihn ausgeschmückt hat, verzahnt. Fast von allein stellt sich die klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung her. Und selbstverständlich fehlt es auch nicht an dem seit Gustav Freytag unverzichtbaren Novellensymbol. Hier ist es ein Zeichen aus dem von Dorothea so geliebten I Ging, dem mehr als 2000 Jahre alten chinesischen Buch der Wandlungen, das mit einer Idee über den Tod korrespondiert, die das ungleiche Paar einst zusammenführte.
Fehlender Mut im Leben
Allein jene Zeiten gewesenen Glücks und sich in stillem Einverständnis offenbarender Harmonie liegen lange zurück. Und ebenso drastisch, wie auf der Gegenwartsebene im Laufe des voranschreitenden Tages der körperliche Zerfall eines toten Körpers beschrieben wird – Verwesungsgerüche sind vom ersten Satz an präsent, bald muss Schrepp Totenflecke und eine zunehmende Starre des geliebten Körpers konstatieren, während er sich mit den Vorwürfen, die ihm posthum gemacht werden, befasst –, greifen rückblickend eine frühe Desillusionierung und zunehmende Verbitterung das Idealbild einer Paarbeziehung an, wie es wohl nur im Kopf eines die Wirklichkeit geflissentlich ausblendenden Wissenschaftlers entstehen konnte. Sein von ihm selbst fast schon vergessener Text hingegen spricht eine andere Sprache. In ihm manifestieren sich einst vorhandene Gefühle und Wünsche, die allein fehlender Lebensmut daran hinderte, umgesetzt und ausagiert zu werden.
Jenseitsnovelle endet übrigens mit einer Erzählschleife, die uns an den Anfang zurückführt. Als sei gar nichts geschehen. Als lebte Dorothea noch. Als wäre Schepp in einem Albtraum gefangen gewesen, der jetzt endlich der Realität gewichen ist. Zarten, harmoniesüchtigen Gemütern seien sie für eine Weile gegönnt, jene in herbstliches Licht gegossene friedliche Atmosphäre, die die abschließenden fünf Seiten des Buches beherrscht, samt dem Glück, das noch seine letzte Zeile beschwört. Wer freilich zwischen den Zeilen zu lesen versteht, den wird weiter frösteln.