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Samstag, 04. Februar 2012 | 13:10

Anthony McCarten: Hand aufs Herz

14.12.2009

Jess und Tom im Land der ausgefahrenen Ellenbögen

Unter der Feder von Anthony McCarten wird eine sinnfreie Publicity-Idee zum Auslöser eines Wettkampfs, hinter dem sich mehr verbirgt als eines der zahllosen Medienereignisse, bei denen heute Menschen häufig alle Schamgrenzen hinter sich lassen, um für einen Augenblick im Mittelpunkt zu stehen. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Tom Shrift ist mehr als vorlaut. Und er weiß zu viel, um sich widerstandslos in modernes Teamwork einzufügen. Doch weil der 42-Jährige gerade mit einer eigenen Glückwunschkartenfirma gescheitert ist und auf einem Haufen Schulden sitzt, muss er wohl in den sauren Apfel beißen. Bevor er sich jedoch den Demütigungen aussetzt, mitten in der Finanzkrise um eine schlecht bezahlte Arbeit zu buhlen, soll das Glück ein letztes Mal herausgefordert werden. In einem Ausdauerwettbewerb ist ein Land Rover zu gewinnen, ein ob seiner hohen Haltungskosten ganz und gar nicht in die heutige Welt passendes Luxusgefährt. Allein Tom will das teure Teil ja auch nicht fahren, sein Verkaufserlös soll lediglich für eine Pause sorgen im harten Kampf ums Dasein.

Nach einem sorgenfreien Leben sehnt sich auch Jess Podorowski, die als „Verkehrsaufsichtskraft“ in Londons City die Falschparker gegen sich aufbringt. Die Tochter polnischer Einwanderer hat sich um ein schwerbehindertes Kind zu kümmern, den Unfalltod ihres Mannes zu verarbeiten und die alltäglichen Beleidigungen all jener zu ertragen, denen sie mit Bußgeldbescheiden auf die Pelle rückt. Dem Rat ihrer frommen Mutter, sich klaglos in ihr Geschick zu ergeben, will sie dennoch nicht folgen. Ein bisschen Glück sollte auch für sie drin sein. Und wenn sie darum kämpfen muss: Sie ist bereit.

Vierzig Menschen kämpfen um ein bisschen Glück

Zusammen mit Jess und Tom treten auf dem Hof des Autohändlers Terry Black noch weitere achtunddreißig, aus Hunderten von Kandidaten ausgeloste Menschen an, für die der protzige Geländewagen zum Symbol einer rosigen Zukunft geworden ist. Nur die Hand gilt es an sein metallicblaues Blech zu pressen und dann auszuharren, bis alle Mitkonkurrenten losgelassen haben. Das trauen sie sich zu – Junge und Alte, Zivilisten und Soldaten, Männer und Frauen, vom Leben Gebeutelte und Gecken, die auf der Jagd nach dem Sinn ihrer eintönigen Existenz sind, Betrüger und Verzweifelte.

Dass der Autoverkäufer, der seine beiden Angestellten seit Wochen nicht mehr bezahlen kann, eigentlich mehr auf die Seite jener Hoffenden gehört, die fünf Tage bei Sonne und Regen, Kälte und katastrophalen hygienischen Bedingungen ausharren, wird erst allmählich klar. Am Ende jedenfalls gibt es einen Toten, eine ganze Menge unerwartete Solidarität, eine faustdicke Überraschung – und einen Neuanfang für zwei Menschen, die sich nicht mit ihrem Schicksal abzufinden bereit waren.

Bühnenreifer Plot, pointierte Dialoge

Nach Englischer Harem, dem ersten erfolgreichen Roman des Dramatikers von 2001, und Superhero (2005), seiner rasanten Geschichte um einen 13-jährigen leukämiekranken Jungen auf der Suche nach dem Glück, der Liebe und dem Sinn des Lebens, die auch bei uns ein großer Erfolg war, ist Hand aufs Herz der dritte ins Deutsche übertragene Roman von Anthony McCarten. Erneut kann der 1961 in Neuseeland geborene und momentan auf drei Kontinenten beheimatete Autor seine Herkunft vom Theater nicht verleugnen. Bühnenreif ist der Plot. Pointiert und geschliffen kommen die Dialoge daher. Den Regeln der klassischen Bühne folgt der Spannungsbogen. Selten nur gleitet die Handlung ab ins Banale, so bleibt unterm Strich ein großes Lesevergnügen, das viel zu schnell vorbeigeht. Und natürlich ist es die Welt, das Große und Ganze, das sich auch hier hinter der Story von vierzig Menschen verbirgt, die bereit sind, bis zum Äußersten zu gehen, um jenseits einer unwürdigen Inszenierung mit mehr Würde zu leben, als sie es bisher taten.

 

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