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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:33

Prugne / Oger: Canoe Bay

04.02.2010

Geschichte als Abenteuer

Der „French and Indian War“ in Nordamerika Mitte des 18. Jahrhunderts bildet den historischen Hintergrund für eine klassische Abenteuergeschichte im Stile der Schatzinsel. Überzeugend ist dabei vor allem die visuelle Gestaltung. Von NILS KURFÜRST

 

Im 17. Jahrhundert wurde die Besiedlung Nordamerikas von den Puritanern als „Errand into the Wilderness“ bezeichnet. Hinter dieser Umschreibung verbirgt sich vor allem das westliche Selbstverständnis einer Eroberung der Natur mitsamt der darin lebenden indigenen Bevölkerung. Auf den ersten Seiten von Canoe Bay sehen wir eine ruhige Waldszenerie, die jäh durch einen herbeistürmenden Jungen – verfolgt von einem bedrohlich wirkendem Indianer – gestört wird. Zusammen mit der historischen Kontextualisierung des Vorwortes lassen diese Bilder eine geschichtliche Aufarbeitung der Kolonialisierung Amerikas erwarten. Allerdings wird bald deutlich, dass Canoe Bay diesen Hintergrund lediglich benutzt, um eine klassische Abenteuergeschichte zu erzählen.

 

Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Der junge Waise Jack, ein französischstämmiger Akadier, heuert auf einem britischen Schiff an und befreundet sich mit dem gleichaltrigen Waliser Andrew sowie dem Sklavenjungen Sitouh. Auf dem Schiff kommt es unter der Führung des gutherzigen John Place zu einer Meuterei, und Jack, Andrew und Sitouh werden gezwungenerweise Mitglieder einer Piratenbande. Auf der Flucht vor den britischen Häschern stellt sich heraus, dass Jack im Besitz einer Schatzkarte ist, und so ziehen die Gejagten in Richtung Canoe Bay, um dort das Vermächtnis des legendären Jack Rackham (Tintin lässt grüßen!) zu bergen.

 

Die Abenteuer der Vergangenheit

Geht man von einem erwachsenen Leser aus, so lässt sich der Comic wohl am ehesten als nostalgische Zeitreise charakterisieren. Erinnerungen an die Lektüre der Schatzinsel und der Lederstrumpf-Erzählungen vermischen sich und lassen das Gefühl der jugendlichen Abenteuerlust aufleben. Das überaus gelungene Artwork von Patrick Prugne verstärkt diese subtile Nostalgie. Die weichen Formen der Aquarelle  sowie ihre warmen Pastelltöne vermitteln den Eindruck eines sanften, süßen Traumes, aus dem man nicht aufwachen möchte. Mit viel Gespür für die wilde Schönheit der nordamerikanischen Landschaft evoziert Prugne romantische Empfindungen, die manchmal düster und meistens behaglich stimmen, ganz so wie die Kraft der Erinnerung es vermag. Bedauerlicherweise ist die Geschichte zu simpel und unoriginell, um den Sentimentalitäten auch etwas Substantielles zu geben.

 

Mehr Konflikt, bitte!

Es gibt genügend Beispiele, die belegen, dass eine gute Erzählung weder komplex, noch völlig neuartig sein muss – man denke zum Beispiel an die Sin City-Reihe von Frank Miller. Unentberlich sind hingegen anregende Konflikte. Das Problem an Canoe Bay scheint diesbezüglich zu sein, dass es dem Autor Tiburce Oger am Mut gefehlt hat, sich von stereotypen Mustern zu befreien, beziehungsweise sich diese – wie im Falle von Sin City – einfallsreich nutzbar zu machen.

 

Die amerikanische Geschichte lässt sich auch als Geschichte der Gewalt lesen, und Canoe Bay bietet durchaus gewalttätige Auseinandersetzungen. Allerdings liegt der Gewalt fast durchweg eine moralische Schwarz-Weiß-Zeichnung zugrunde. Die Soldaten der Kolonialmächte, sowohl Briten als auch Franzosen, sind eindimensionale Schurken, während die Hauptfiguren, immerhin Meuterer und Piraten, kein Wässerchen trüben können. Die Indianer wiederum spielen kaum eine Rolle und greifen nur als Funktionen der verschiedenen Seiten – Jäger/Gejagte – in die Geschichte ein. Das Potential für charakterliche Zwischentöne liegt brach, und der Leser wartet vergeblich auf Spannungen jenseits des Handlungsverlaufes. 

 

Ein lachendes Auge

Grundsätzlich ist es in keinem Medium angebracht, Form und Inhalt getrennt voneinander zu betrachten. Leider ist eine solche Trennung im Falle von Canoe Bay unumgänglich, will man die Qualität des Comics hervorheben. Ohne Zweifel ist die visuelle Gestaltung meisterhaft gelungen, und letztendlich muss man die erzählerischen Schwächen wohl in Kauf nehmen, um sich beim wiederholten Durchblättern an den Bildern zu erfreuen.

 

Besondere Erwähnung soll daher auch der umfangreiche Skizzenanhang finden. Die hier abgebildeten Entwürfe verdeutlichen nachträglich noch einmal, wie viel Leben Prugne den Figuren einzuhauchen vermag, und wie sehr sich diese damit trotz kontrastarmer Darstellung von der ruhigen, erhabenen Natur abheben. In einer Randnotiz vermerkt der Zeichner: „Von jedem Panel muss etwas besonderes ausgehen.“ Besser lässt sich der bleibende Eindruck von Canoe Bay wohl nicht beschreiben.

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