Arnaldur Indridason: Todeshauch
03.05.2004
Isländische Tragödien
Der Isländer Arnaldur Indridason ist auf dem besten Wege, sich als Großmeister des polaren Krimis zu etablieren.
Streunt man durch die einschlägigen Abteilungen der Buchkaufhäuser, erhärtet sich allmählich der Verdacht, ganz Skandinavien plane mittels exzessiver Krimiproduktion seinen Exportüberschuss zu festigen. Da darf natürlich das literarischste Land der Erde nicht fehlen. Obwohl mit einer der niedrigsten Schwerverbrechensquoten gesegnet, sitzen auch die Isländer längst vor ihren Laptops und morden sich in die europäischen Bestsellerlisten. AutorInnen wie Stella Blomkvist versuchen es mit eher kurios-ironischen Romanen, als Großmeister des polaren Krimis etabliert sich jedoch ohne Zweifel Arnaldur Indridason.
Bereits sein Erstling Nordermoor hat hierzulande nicht nur bei den Kritikern, sondern auch in der Verlagsbilanz einen guten Eindruck hinterlassen, und der nun vorliegende Todeshauch ist mehr als eine Bestätigung des Indridason’schen Talents, atmosphärisch dichte und spannende Geschichten zu erzählen.
Es beginnt genretypisch. Bei Bauarbeiten wird ein Skelett gefunden, das seit sechzig oder siebzig Jahren an seinem unfreiwilligen Ort der letzten Ruhe gelegen haben mag. Mehr weiß man vorerst nicht. Und dass Erlendur, der ermittelnde Beamte, bis kurz vor Ende des Romans hinsichtlich Geschlecht und Identität des Toten im Dunkeln tappt, entpuppt sich als taktische Meisterleistung seines Autors. Ausgerechnet ein Archäologenteam ist für die Bergung des Skeletts vorgesehen, und die Leute verrichten ihren Job mit quälend langsamer Akribie.
Verflochtene Handlungsstränge
Die Story entwickelt sich fortan in drei Spannungsbögen. Erlendur befindet sich mitten in einem persönlichen Desaster, denn seine rauschgiftsüchtige Tochter liegt im Koma. Eine andere und ältere Katastrophe bahnt sich an in der Schilderung des Schicksals eines unter der Gewalttätigkeit des tyrannischen Vaters leidenden Familie. Mittendrin Erlendur und seine Helfer, die vage Spuren der Vergangenheit folgen, dabei auf falsche Fährten geraten und am Ende eine Wahrheit finden, die der Leser zwar recht schnell erahnt, indes niemals als Gewissheit besitzt.
In dieser Verflechtung der Handlungsstränge liegt Indridasons Meisterschaft. Der Leser wähnt sich immer einen Schritt vor den Ermittlern, zugleich jedoch wächst seine Irritation. Die erzeugte Spannung speist sich aus dem Grauen des Alltäglichen und ist weit entfernt von den Blutorgien eines Henning Mankell.
Doch an den Marktführer des Skandinavienkrimis erinnert bei Indridason vieles. Die Welt ist düster und trostlos, die Gesellschaft hoffnungslos zerbrochen, und der sich da auf den Weg gemacht hat, die Dinge zu ordnen, verzettelt sich in permanenter Depression.
Typisch Mankell, typisch Skandinavien. Aber Indridasons kann erzählen. Er brilliert als souveräner Konstrukteur und kennt alle Tricks, seine Leser bei der Stange zu halten. Humor gehört nicht zu seinen Stilmitteln, da wiederum hält er sich an Mankell.
Doch wo Mankell in erster Linie von der Tragfähigkeit seiner Plots lebt (Die fünfte Frau, Die falsche Fährte) und bei deren Labilität allzu häufig in gelinder Langeweile versinkt, vertraut Indridason auf seine Fähigkeiten als Autor, und das mit Recht. Man hätte aus den Bestandteilen von Todeshauch einen verdammt langweiligen Krimi stricken können. Dass es ein verdammt spannender wurde, verspricht noch viel Gutes für die Zukunft.
Dieter Paul Rudolph
Arnaldur Indridason: Todeshauch. Aus d. Isländ. v. Coletta Bürling. Bastei Lübbe 2004. Taschenbuch. 365 Seiten. 7,90 Euro. ISBN: 3-404-15103-8