Helge Schneider: Aprikose, Banane, Erdbeere
10.05.2004
Codename: Schnittchen
Ein unauffälliges Buch, das seine Bestimmung sucht und sie selbst im fernen Singapur nicht findet.
Kommissar Schneider, der legitime Nachfolger des österreichischen Polizisten Kottan, befindet sich noch immer im Ruhestand, wurde vom Arzt mit einem Senfverbot belegt und erstarrt in Langeweile. Des Kommissars fürsorglich motivierter Amoklauf mit einem Bagger, den er über einen vergammelten Spielplatz lenkt und alles platt machen lässt, beweist Kommissar Waterkants (polizeiinternes Pseudonym) anarchistische Grundhaltung. Im fünften Kommissar-Schneider-Roman von Helge Schneider geht es ziemlich blutrünstig und brutal zu. Ein raffinierter Mörder, der anstelle seiner linken Hand eine scharfe Eisenkralle trägt, hält den Unruhestandsbeamten Schneider auf Trab. Angespannt lesend verfliegt die Zeit, nimmt die Buchstaben mit und die Leere füllt sich mit mythischer Gelassenheit. Woran kann man denken beim Lesen? Ob der Eisenkrallige ein Bruder des flüssigen Kunstmenschen aus Terminator II ist, denn Satanskralle erneuert sich auch ständig.
Kommissar Schneider durchlebt eine merkwürdige Dimensionsverschiebung, ein Deja vu in den Gedanken eines anderen. Liegt das an seinen Magenproblemen? Ein merkwürdiger Umstand, der sich durch das gesamte Buch zieht.
Die Satanskralle, ein überirdisches Wesen. Wirklichkeit und Phantasie gehen ständig Verbindungen ein, die kaum durchschaubar sind. Auf der Flucht hinterlässt die Kralle reichlich und freiwillig Spuren und Botschaften. Schließlich folgt Kommissar Schneider diesem lebenden Phantom nach China und wartet dann in Singapur auf das große Finale. In einer McDonalds unten am Hafen erwartet er die Satanskralle. „Er verschlang hungrig einen Fischmac. Dabei trank er Kakao. Der Hund schaute ihm bettelnd ins Gesicht. ... Dann ging die Tür auf, und herein kam ein Mann mit einer Kralle statt einer Hand.“ Eine Horde McDonalds-Angestellte verprügelt den deutschen Beamten, weil er den Hund beleidigt hat. Die Satanskralle hilft Schneider, was zu einer merkwürdigen Koalition zwischen Polizist und Gangster führt.
Helge Schneider schreibt über weite Strecken mit soviel Understatement, dass man fast darüber hinweg liest, wie er etwa den Kurschatten seiner Frau erschießt. Mal Bond, mal Volltrottel: Kommissar Schneider auf der Wippe. Wirkliche Spannung, wie sie eigentlich in einem Krimi vorkommen sollte, sucht man bei Schneider vergebens. Die Alternative wäre ein richtig komischer Text, der die Absurditäten noch einmal auf den Kopf stellt und mehr als Humor nicht gestattet. Aber auch diese Variante ist nicht vorhanden.
Aprikose, Banane, Erdbeer bleibt daher ein unauffälliges Buch, das seine Bestimmung sucht und sie selbst im fernen Singapur nicht findet.
Textprobe:
„Der graue Beton raste durch sein Hirn. Gitterstäbe schauten ihm über die Schulter und warfen Schatten auf seine Seele. Es piepte. Ein kleiner Spatz flügelte hurtig gegen den Wind und klatschte an das Fenster. Zu spät. Schmerzverzerrt zeigte er ihm sein kleines Gesicht.“
Klaus Hübner
Helge Schneider: Aprikose, Banane, Erdbeere. Kommissar Schneider und die Satanskralle von Singapur. Kiepenheuer & Witsch. KiWi Paperback 818. 2004. 122 Seiten. 6,90 Euro. ISBN 3-462-03381-6