Chuck Palahniuk. Lullaby
29.05.2004
Wiegenlied mit tödlicher Wirkung
Chuck Palahniuk ist ein einzigartiger Schriftsteller. Seine Art zu erzählen sucht in der Gegenwartsliteratur seines Gleichen, denn das Verwirrspiel eines involvierten Erzählers mit seiner scheinbar hilflos durch die Geschichte irrenden Zuhörerschaft gleicht einer Tour-de-Force durch die Abgründe der menschlichen Seele.
Bekannt ist der amerikanische Autor vor allem durch seine Romanvorlage zu David Finchers Film Fight Club geworden; auch hier tappt der Leser bis zuletzt im Dunkeln bezüglich des Wesens des Ich-Erzählers. Am Anfang von Palahniuks Romanen wird das Ende stets vorweggenommen, jedoch lässt der Erzähler die essentiellen Informationen aus – um sie im Laufe der Geschichte langsam wie ein Puzzle zusammenzusetzen.
Macht der Gedanken
In Lullaby geht es erst einmal um eine Maklerin, die ihren Kunden Häuser verkauft, in denen Geister hausen. Die neuen Besitzer wollen ihr Eigentum natürlich schleunigst wieder loswerden, und die Maklerin kann erneut eine Provision kassieren. Man vermutet schnell eine Geistergeschichte mit dem für den Autor typischen kapitalismuskritischen Hintergrund. Doch schon bald dreht sich alles um ein Schlaflied, das töten kann. Erst vermutet der Protagonist, dass die seltsamen Tode durch Rezitieren der Verse geschehen, schnell merkt er aber, dass schon das reine Denken an das Lied Menschen auf der ganzen Welt binnen Sekunden sterben lässt. Er versucht fortan, seine Gedanken unter Kontrolle zu halten, und begibt sich mit der Maklerin, die ebenfalls von der Macht des Schlaflieds weiß, auf eine Reise quer durch die USA, um alle Exemplare des Buches zu zerstören.
Hang zum Absurden
Das ist nur der Anfang einer wahnwitzigen Road-Story über die Macht der Gedanken und die Wirren der modernen Zivilisation. Wie auch in Palahniuks anderen Romanen spukt der Geist der Zivilisationskritik und des allmächtigen Kapitalismus durch jede Zeile. Der Erzählstil ist knapp, spröde und, auch das ein Markenzeichen des Autors, vor allem repetitiv. Wie ein Mantra lesen sich seine immer wiederkehrenden Gedanken, denen er nicht Herr zu werden scheint. Lullaby spielt mit der Ästhetik der Hard-Boiled-Fiction eines Chandler oder Hammett, transferiert diese jedoch in die Sphären des Absurden. Es liest sich wie ein Thriller, nimmt den Leser aber jenseits vorgefertigter Genre-Konventionen von der ersten Seite an vollends ein. Ein Triumph.
Sascha Seiler
Chuck Palahniuk. Lullaby. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Blanvalet 2004. Gebunden. 254 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-442-54569-2