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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:11

 

Leonardo Padura: Handel der Gefühle

09.06.2004

 
Tiefes Bedauern auf hohem Niveau

Der zweite Teil des Havanna-Quartetts bleibt deutlich hinter dem ersten überaus überzeugenden Teil (Ein perfektes Leben) zurück. Ihm fehlt über weite Strecken die unmittelbare Inspiriertheit, die einem die Figur des Conde im ersten Buch noch so sympathisch nahe gebracht hatte.

 

Nachdem im letzten Jahr mit Ein perfektes Leben der erste Teil (‚Winter’) des Havanna-Quartetts um den Teniente Mario Conde auf deutsch erschienen war, folgt nun mit Handel der Gefühle der nächste Streich. Padura, der in seiner kbanischen Heimat bereits durch seine journalistische Arbeit bekannt wurde, will erklärtermaßen mehr bieten als nur spannende Krimiunterhaltung; sein Anliegen ist es, kritische Innenansichten der kubanischen Gesellschaft (zur Zeit der ausgehenden 80er Jahre) zu liefern.

Zu viel Parallelen

Das größte Problem dieses zweiten Teiles liegt wohl in der allzu engen inhaltlichen Verwandtschaft zum ersten Teil Ein perfektes Leben, und zwar sowohl atmosphärisch als auch in der Konstruktion der Geschichte:
Wieder gibt es eine Verbindung zwischen dem aktuell aufzuklärendem Verbrechen und Condes eigener Vergangenheit. Eine junge Chemielehrerin, die an Condes ehemaliger Schule unterrichtete, wird ermordet aufgefunden. Entgegen ihrem offiziellen tadellosen Ruf, legte sie, wie sich bald herausstellt, sowohl in der Zahl und Wahl ihrer Männerbekanntschaften als auch in ihren modischen Vorlieben und ihren Gepflogenheiten des Drogenkonsums eine sehr freizügige und genussorientierte Lebenseinstellung an den Tag. 
Und natürlich hat hat der melancholisch-romantische Conde wieder sein Herz an eine „Traumfrau“ verloren. Und nach wie vor bietet ihm in all den kriminalistischen und emotionalen Wirren sein alter Freund und Saufkumpan, der im Angolakrieg verkrüppelte Carlos, letzten Halt und Orientierung. Und schließlich nehmen auch im Frühlingsbuch die sinnlichen Genüsse um Rum, Zigarren und üppige Speisen ihren gebührenden Raum ein.

Aber all dies, was einst noch wunderbar funktionierte, will hier nicht mehr so recht zünden, und das liegt nicht nur am Erlahmungseffekt der Wiederholungsschleife. Denn diesmal scheint der Instinkt für überzeugende Figurenzeichungen und stimmige Situationsbeschreibungen den guten Padura etwas im Stich gelassen zu haben, vor allem zu Beginn des Buches. Schon der Klappentext lässt es ahnen:
Ein trockener, heißer Frühlingssturm fegt durch die Straßen Havannas, als Teniente Mario Conde der schönen Karina bei einer Autopanne hilft. Karina ist Jazzfan und spielt außerdem Saxofon... Jaja, die schöne Karina hat also eine Autopanne und spielt Saxofon... selbst wenn man mildernd in Rechnung stellt, dass es sich immerhin um den Frühlingsteil des Quartetts handelt, was eine gewisse Überdosis gefühligen Überschwangs rechtfertigen mag - es ist einfach zu viel der geschmacklichen Entgleisungen. Bei der Lektüre der ersten 30, 40 Seiten von einem kleinen Schock zu sprechen, welcher den hoffnungsfrohen Rezensenten befiel, ist nicht übertrieben. Hey, wie kann das sein: da hatte der Mann ein so rundherum überzeugendes Buch hingelegt, und hier gleitet er gleich zu Beginn in derart abgegriffene Klischees ab.

Auch viele andere atmosphärische Ingredienzien wirken diesmal eher hölzern bemüht als lebensprall. Von der unmittelbaren Inspiriertheit, die einem die Figur des Conde im ersten Buch noch so sympathisch nahe gebracht hatte, ist hier bei weitem nicht mehr so viel zu spüren.

Hoffnung versus Enttäuschung

Sicherlich – die hohe Erwartungshaltung musste eine ähnliche Genugtuung wie bei der Lektüre des ersten Bandes, die ja auch vom Überraschungseffekt getragen war, unweigerlich erschweren. Aber auch eingedenk dessen bleibt unter dem Strich das Resümee eines erheblichen Qualitätsgefälles.
Dennoch – und dies sei bewusst als versöhnlicher Schlusspunkt gesetzt: Erstens sollte man festhalten, dass es sich alles in allem um ein Bedauern auf hohem Niveau handelt. Zweitens lässt dick aufgetragene Duselei und Moral mit fortschreitender Lesedauer allmählich nach und weicht zunehmend schönen Passagen. Drittens nimmt auch die Geschichte immer mehr Fahrt auf und fügt sich schließlich in einen stimmigen Plot.
Was neben und letztlich sogar noch über der Enttäuschung bleibt, ist somit dann doch die Neugierde auf den dritten Teil und die Hoffnung auf eine durchgreifende Rehabilitation.

Anselm Brakhage


Leonardo Padura: Handel der Gefühle
Das Havanna-Quartett: Frühling
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein
Unionsverlag 2004
Gebunden. 255 Seiten. 18,90 Euro.
ISBN 3-293-00322-2

 

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