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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:12

 

Liza Cody: Gimme More

12.08.2004

 
Jetzt als Taschenbuch:

Birdies Welt

Der seltene Glücksfall einer übersichtlichen Story, die allmählich verästelt, ohne zu zerfallen. Mit sehr viel Detailgenauigkeit und Witz geschrieben, von Pieke Biermann gekonnt, weil passioniert übersetzt.

 

Eine solche Story hätte auch schief gehen können. Birdie Walker, in die Jahre gekommene Witwe des Rockstars Jack, wird verachtet, verhöhnt und verunglimpft wie nur je eine Yoko o­no oder Courtney Love. Dabei war sie alles andere als das ebenso hübsche wie böse Element in Jacks Leben. Sie hat seine Ideen in Songs verwandelt, ohne dafür die verdienten credits einzuheimsen. Jetzt geht es ihr dreckig. Sie arbeitet als Talentscout und bessert sich ihr Kleidergeld mit hübschen kleinen Betrügereien auf. Ideales Opfer des Musikbusiness also. Das nämlich sieht einen neuen runden Todestag des legendären Jack am Horizont und sucht verzweifelt nach den Jubelwaren, um das Ereignis profitabel feiern zu können. Genauer: Einen verschollenen Film nebst einigen unveröffentlichten Songs will man der Witwe abluchsen. Die aber hat eigene Pläne.

So weit die Story im Groben, und sie liefert wahrlich genügend Stoff für Klischees, Larmoyanz und altbekannte Weisheiten aus dem Geschäft mit den Silberscheiben. So sind es auch nicht die Einblicke ins Musikbusiness, die den Wert des Romans ausmachen. Kein Mensch mit einigermaßen klarem Verstand und glücklich überstandener Pubertätsakne vermutet hinter dem Glamour etwas anderes als Intrigen, Kalkül und Manipulation. Und kann unser Blick zurück, der sich beim Ansichtigwerden abgehalfterter Rocker und sehr geschäftstüchtig gewordener Freaks unweigerlich einstellt, anders sein als traurig, resignierend und angewidert?
All das liefert Liza Cody, die Insiderin, natürlich auch. Und sie macht es hervorragend, ohne auch nur in die Nähe der nach Genregewohnheit ausgelegten Fallstricke zu kommen. Aber es ist die Perspektive, die diese Informationen so lesenswert macht. Die Vielschichtigkeit des Buches ist die Vielschichtigkeit seiner Hauptperson Birdie Walker. Sie hat sich ihre Brüche redlich verdient und konsequenterweise ist ihr klarer Blick auf die Welt ebenso gebrochen. Dieses Leben wird von Narben zusammen gehalten, und man weiß nie, ob sie schon verheilt sind oder jeden Moment neu aufbrechen werden.
Das bewahrt den Roman vor jeder glatten Oberfläche, vor holzschnittartigen Charakteren ebenso wie vor wohlfeilen Wahrheiten. Diese Geschichte ist nicht linear, ihre Wahrheit kein Zehnzeilen-Statement. In „Gimme More“ passt alles zusammen, weil es so partout gegen jede Harmonie agiert.
Man kann Birdie Walker eine Gescheiterte nennen. Aber sie wird andere ebenfalls scheitern lassen. Sie wurde betrogen – und betrügt munter zurück. Sie glaubt, tatsächlich, an die wahrhaftige Seele des Rock und hantiert souverän mit dem Schmutz, in dem diese Seele versunken ist. Eine Welt entsteht, die Menschen wie Jack zu Göttern erhebt, um sie besser ausbeuten zu können, und Menschen wie Birdie zu Befriedigungsmaschinen degradiert, die nach Gebrauch durch üble Nachrede bequem zu entsorgen sind. Ein irres Machotheater mit Gewinngarantie.

So wird aus „Gimme More“ der seltene Glücksfall einer übersichtlichen Story, die allmählich verästelt, ohne zu zerfallen. Mit sehr viel Detailgenauigkeit und Witz geschrieben, von Pieke Biermann gekonnt, weil passioniert übersetzt.
Dass man ein überraschendes und doch logisches Ende serviert bekommt, ist der Nachtisch, für den die Gourmettempel der Literatur berühmt sind. Ein Highlight der Metro-Reihe des Unionsverlags.

Dieter Paul Rudolph


Liza Cody: Gimme more.
Aus d. Engl. v. Pieke Biermann.
Unionsverlag 2004.
Kartoniert. 384 Seiten. 11,90 Euro.
ISBN: 3-293-20304-3

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