Polina Daschkowa: Für Nikita
22.08.2004
Russische Manipulationen
Daschkowas Gesellschaftskrimi über russische Dichter und korrupte Politiker beginnt spannend, aber mündet in langen Wiederholungen und trockenen Beschreibungen. Schade, denn gerade von Polina Daschkowa hätte man eine bessere Aufarbeitung des fesselnden Themas erwartet.
Die russische Mafia, Dostojewski und Tolstoi, das sind häufig die ersten Assoziationen zu Russland. Genau diese Pole verarbeitet Polina Daschkowa in ihrem 1999 im Original erschienenen Roman ‚Für Nikita’. Es tummeln sich Auftragsmörder neben einem korrupten Provinzpolitiker und einer russischen Dichterseele. Der neueste Gesellschaftskrimi Daschkowas greift Themen auf, die unser Bild vom postkommunistischen Russland bestätigen. Vielleicht fährt Daschkowa gerade deswegen nicht nur in Russland, sondern zunehmend auch im deutschsprachigen Raum auf Erfolgskurs. Ihre Gesamtauflage von derzeit 25 Millionen weltweit verdient Beachtung. Die gekonnte Verknüpfung von Krimi mit politischem Thriller und Gesellschaftsroman ist offenbar gefragt.
Daschkowas Stoff ist, wie schon in ihren früheren Büchern, spannend: Der berühmte Krimischriftsteller Nikita Rakitin hat den Auftrag, die Biografie seines Jugendfreundes Grischa zu schreiben. Grischa Russow ist ein einflussreicher Gouverneur in Sibirien und mit der Ärztin Nika verheiratet. Für Konflikte ist gesorgt, denn Nika war die große Jugendliebe Nikitas. Die beiden waren ein Traumpaar, zumindest solange, bis die Medizinerin den Schriftsteller verließ und unerwartet dessen Freund, den aufstrebenden Politiker Russow, heiratete. Auf den Dichter Nikita wird ein Mordanschlag verübt, nachdem er bei seinen Recherchen auf dunkle Machenschaften Russows gestoßen ist. Die Vorgänge rund um eine Sekte, einen korrupten Anwalt, eine Goldmine, einige Auftragsmorde und ein Massengrab belasten den Politiker schwer. Als der Tod des Dichters bekannt wird, tauchen geheimnisvolle Briefe auf. Die Politikergattin Nika ist vom Tod ihres Jugendfreundes erschüttert. Sie beginnt, an der sauberen Weste ihres Mannes Grischa zu zweifeln und macht sich auf den Weg nach Moskau, um die Wahrheit über ihn heraus zu finden.
Eingestürzter Spannungsbogen
Die Hauptfiguren sind interessant gezeichnet. Polina Daschkowa gelingt es, den Bösewichten auch liebenswerte Züge zu geben, Grischa ist ein fürsorglicher Ehemann, der seine Frau über alles liebt. Gleichzeitig sind die Guten nicht immer perfekt, wie an Nika zu sehen ist. Vor allem das Porträt der dürren Stina, die so plötzlich verschwindet, wie sie aufgetaucht ist, des Piloten Iwan, der sich nur mehr um das Leben seines Sohnes sorgt, und des ehemaligen Anwalts und Detektivs Viktjuk gelingen der Autorin ausgezeichnet.
Allerdings geht Polina Daschkowa nach der Hälfte des Buches der Stoff aus. So spannend die ersten 200 Seiten sind, so langweilig sind die zweiten 200, voller Wiederholungen und elendslangen Erklärungen. Die Beschreibung des Sektenwesens in Russland beispielsweise scheint zwar gut recherchiert, doch eignet sie sich eher als Reportage denn als Romankapitel. Dass Tat und Täter schon nach kurzer Zeit feststehen, macht nichts. Dadurch könnte sich der Roman vielmehr frei spielen für andere Spannungsmomente. Denn gute Krimis erzeugen Suspense nicht allein durch die Tätersuche. Gerade der Aufbau eines Spannungsbogens gelingt Daschkowa jedoch nur zu Beginn des Romans, wo sie noch gekonnt mehrere Zeitebenen und Handlungsstränge parallel führt, ineinander verwebt und zusammenführt. Vielleicht fehlt dem Roman ganz einfach eine Überarbeitung, verdient hätte er sie sich.
Maria-Bernadette Ehrenhuber
Polina Daschkowa: Für Nikita Krimi. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt Aufbau-Verlag Gebunden. 408 Seiten. 22,50 ¤ ISBN 3-351-03014-2
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