Liza Marklund: Der rote Wolf
29.08.2004
Die heilige Johanna von Schweden
Keine Frage: Liza Marklund hat es geschafft. Sie gilt als die erfolgreichste Krimiautorin Schwedens - vielleicht sogar Skandinaviens. Nun liegt ein weiterer ihrer Krimis, "Der rote Wolf", in deutscher Übersetzung vor, in dem wie gewohnt eine Journalistin die Funktion des Kommissars übernimmt. Und darin liegt ein Problem verborgen.
Wenn jemand nach einigen Jährchen aus der Fremde zurück in die Heimat kommt, um dort zu sterben, dann macht er dies nicht aus einer banalen Laune heraus. Erst recht nicht, wenn er in den dazwischen liegenden Jahren strickt jeden Kontakt mit einstigen Freunden wie Verwandten vermieden hat und nun zu deren Erschrecken wieder an der Tür klopft. Es ist also noch etwas zu klären, bevor das Ende eintritt. Die, die dazu beitragen sollen, sind nicht gerade begeistert von der ihnen dabei zugetragenen Aufgabe. Wenn diese Tatsachen aufeinander treffen, verheißt das nichts Gutes.
Das dem so ist, weiß die Heldin Annika Bengtzon noch nicht, als sie gewissermaßen vom neutralen Boden des Schreibtisches aus die Recherche zu einem gleichfalls in der Vergangenheit liegenden Vorfall aufnimmt, der sich zum dreißigsten Mal jährt. Damals flog auf einem bei linksradikalen Grüppchen sehr beliebtem Luftwaffenstützpunkt im unwirtlichen Norden des Landes ein Kampfjet in die Luft. Wer für den Anschlag, bei dem ein Wehrpflichtiger zu Tode kam, verantwortlich zeichnet, konnte ebenso wenig ermittelt werden, wie sich der Eindruck aufdrängt, dass sich das Interesse der Behörden, dies zu klären, in Grenzen hält. Immerhin verspricht zum Jubiläum ein örtlicher Kollege unserer Heldin neues, brisantes Material. Doch als sie ihn persönlich treffen will, findet sie diesen tot vor. Ermordet, wie sich bald herausstellen wird.
Geflecht aus dunklen Geschichten
Er wird nicht der einzige Tote bleiben, der Rätsel aufgibt und so die Handlung vorantreibt. Doch wo Rätsel sind, wächst das Klärende auch und bald findet sich die Heldin von Liza Marklunds mittlerweile viertem Krimi verwoben in ein Geflecht aus dunklen Geschichten und unklaren Beziehungen, getragen von Menschen, denen man auf den ersten Blick nichts böses zu traut und deren Wirken sich daher wie gewohnt bis in die höchsten Spitzen der schwedischen Politik erstreckt. Zusätzlich wird auch ihr Privatleben auf eine harte Probe gestellt. Ihre beste Freundin, eine Medienfrau wie sie, dazu frisch verlassen, trinkt sich langsam zur Alkoholikerin. Ihr Mann Thomas verbringt immer mehr Zeit mit seiner Kollegin - und es bleibt nicht dabei, sich abends an der Bar über die Mühen der Arbeit zu unterhalten. Kurzum: Ein Krimi entfaltet sich, mit allem was dazu gehört. Mit einem spannenden Fall, getragen von vielen Fragen und zunächst wenigen Antworten; getränkt von Überraschungen und in die Irre führenden Seitensträngen und noch dazu - bis auf ein paar Holprigkeiten am Anfang - gradlinig und spannend geschrieben.
Romane als Spiegel der Autorin
Das Problem der Krimis von Liza Marklund ist nur, dass die Autorin, die nach einem Berufsleben als recht erfolgreiche Journalistin in Print und Fernsehen ihre zweite Karriere als Krimiautorin generalstabsmäßig durchgeführt und dabei nichts dem Zufall überlassen hat, ihre Romane wie einen Spiegel einsetzt. Wohin man auch schaut, immer blickt einen Liza Marklund an. Nicht selten hat man deutlich das Gefühl, Autorin und die von ihr gestaltete Heldin seien deckungsgleich. Man wird nie den Eindruck los, dass sich die Autorin mit jeder Annika Bengzton-Folge selbst ein Denkmal setzt, das folglich von Krimi zu Krimi immer strahlender und (leider) auch steinerner wird. Dies hat Folgen für die Handlung und damit für das Lesevergnügen. Selbstverständlich wird Marklunds Annika zwischendurch von ihrem Vorgesetzten der Fall entzogen, was sie jedoch nicht kümmert, geht es doch um Gerechtigkeit und um Wahrhaftiges, den Idealen des Journalismus, mit dem alles steht und fällt auf dieser Welt. Natürlich findet sie sich am Ende allein auf offenem Feld dem Bösen gegenüber; nicht nur, um diverse Morde aufzuklären, sondern weit mehr, um als einsame, aber großartige Frau, die von Schurken, Versagern und Leisetretern umgeben ist, für das Prinzip der Pressefreiheit einzutreten, die so durch das Wirken einer Einzelnen und weniger durch die Mühen eines Berufsstandes garantiert wird.
Folglich bleibt das verbleibende Personal seltsam blass; ihr Handeln erschließt sich nicht wirklich logisch und dies gilt ganz besonders für die Figur des Mörders, der doch sonst als das große Gegenüber den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse würzt und auf den man eigentlich nicht verzichten kann. Keine andere Krimifigur des skandinavischen Krimikosmos kann zugleich derart radikal auf das Team, als ein doch sonst so ergiebiges Sammelbecken aus Typen und ihren Gegenspielern, aus Widersprüchen und Dynamiken verzichten, wie Marklunds Annika Bengtzon. So trägt ihre Heldin mit stoischer Tapferkeit einen strahlenden Heiligenschein, so dass man getrost das Buch des Nachts lesen kann, ohne eine Leselampe eingeschaltet zu haben. Dies gilt auch, sollte man sich für die andere Möglichkeit der Krimigenusses entscheiden, das parallel erschiene Hörbuch. Hier trägt Judy Winter den Text vor, die bereits "Studio 6", "Paradies" sowie "Prime Time" gelesen hat. Sie hat dabei eine Stimme, die angenehm trocken klingt und pflegt eine Lesart, die sich nicht in Manierismen verliert. Nur trägt sie den Text besonders auf den ersten CDs äußerst gehetzt vor und findet erst spät zu einer ruhigen Vorlesestimme, auf das Hörende sich endlich nicht mehr mit dem Zuhören beeilen muss.
Frank Keil-Behrens
Liza Marklund: Der rote Wolf. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, Gebunden. 448 Seiten, 22,90 ¤. Als Hörbuch verteilt auf 6 CDs: 443 Minuten. Hoffman und Campe, Hamburg 2004 29,90 ¤
Textauszug:
"Annika Bengtzon blieb auf der Türschwelle zur Redaktion stehen und blinzelte in das blendend weiße Licht der Neonröhren. Die Geräusche stürzten auf sie ein, zischende Drucker, surrende Scanner, das leise Klappern kurz geschnittener Fingernägel auf Tastaturen. Menschen fütterten Apparate mit Texten, Bildern, Buchstaben, Kommandos, Signalen, füllten die digitalen Mägen ohne sich jemals sättigen zu können."
|
TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Raubbau an Körper und Seele
In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...
Kampf der Superlative
Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Back for good
Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
|