Fans von Inspector Ghote dürfen jubeln. Zwar gab Keating seine berühmte Romanfigur im Jahre 2000 endgültig auf. Doch die deutschsprachigen Leserinnen und Leser kommen zumindest in den Genuss von neuen Übersetzungen. Dem Unionsverlag verdanken wir, dass die berühmten Krimis mit Inspector Ghote aus Bombay endlich wieder neu aufgelegt werden. Die vorliegende Neuübersetzung dieses Krimiklassikers aus dem Jahre 1970 (deutsch erstmals 1973) ist gelungen.
Todesfall auf dem Land
Als Inspector Ghote erstmals ermittelte (The Perfect Murder, 1964, übrigens wie einige andere Romane aus der Ghote Serie noch nie auf Deutsch erschienen!), war er ein ruhiger und zurückhaltender, aber sehr konsequenter Kriminalbeamter. Und das ist er bis zu seinem Ende (Breaking und Entering, 2000) geblieben. Dazwischen liegen 21 Ghote-Romane und eine Kurzgeschichtensammlung. Der hier vorliegende Band ist der fünfte Ghote-Roman.
Detective Inspector Ghote vom CID Bombay wird aufs Land geschickt, um in einem Todesfall zu ermitteln, der fünfzehn Jahre zurückliegt. Er soll für einen Politiker die Todesursache der Gattin eines Konkurrenten ermitteln. Die Gattin Savarkars starb vor fünfzehn Jahre unter seltsamen Umständen und wurde rasch verbrannt. Inspector Ghote bekommt den Auftrag, sich als Vertreter für Hühnerfutter zu verkleiden. Mit einer grell bunten Schachtel getarnt, beginnt er zu ermitteln.
Niemand in der Kleinstadt hat die geringste Lust, sich mit dem örtlichen Machthaber Savarkar anzulegen, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um Ghote zu stoppen. So sehr sich Ghote auch bemüht, niemand gibt ihm Informationen, weil die Zeugen eingeschüchtert wurden.
Allzu viel Zeit für Ermittlungen hat der Inspector aus der Großstadt allerdings nicht. Denn ein heiliger Mann, der Swami, ist in den Hungerstreik getreten und wiegelt die Bewohner auf, damit Ghote endlich abreist. Er hat schon über sechzig Tage gefastet und ist alt und schwach. Falls er wirklich stirbt, wird Inspector Ghote von der Menschenmenge gelyncht werden. So viel sei hier verraten: Das Ei im Titel des Buches trägt mit zum Gelingen des Falls bei.
Über die Figur des Inspector Ghote ist schon viel geschrieben worden: Er sei klein, schlau, schüchtern, bescheiden, erfolgreich, einfühlsam, naiv, entschlossen, engagiert usw. Jedenfalls zählt er mittlerweile zu den großen Figuren der zeitgenössischen Kriminalliteratur.
Keating scheint genau zu recherchieren - Ganesh Ghote arbeitet zum Beispiel intensiv mit dem Buch des österreichischen Kriminalisten Hans Gross, aus dem immer wieder berichtet wird. Entscheidend in seiner Arbeit ist jedoch sein gesunder Menschenverstand und seine Ausdauer.
Wer blutige Action sucht, wird enttäuscht. So wie seine Hauptfigur ist auch der Roman ruhig, aber konsequent voranstrebend. Nicht so sehr der Fall, vielmehr die sozialen Umstände faszinieren. Allerdings würde man bei der genauen Beschreibung der indischen Gesellschaft einen indischen Autor erwarten. Doch H. R. F. Keating ist Engländer. Und als er seinen ersten Inspector Ghote Roman schrieb, hatte er nach eigenen Angaben noch keinen Fuß nach Indien gesetzt.
Eine Kleinigkeit bleibt anzumerken: Was der Übersetzung fehlt, ist ein Glossar am Ende des Romans. Nicht jede und jeder kennt Wörter wie Goonda, Chaprassi, Sahib oder Tongawalla.
Maria-Bernadette Ehrenhuber
H.R.F. Keating: Inspector Ghote zerbricht ein Ei.
Aus dem Englischen von Marianne Lipcowitz.
Unionsverlag, Reihe metro,
TB. 224 Seiten. 9,90 ¤.
ISBN 3-293-20299-3
H.R.F. Keating:
Henry Reymond Fitzwater Keating, geboren 1926, lebt in London. Er ist gelernter Rundfunktechniker, wurde dann Journalist und schließlich freier Schriftststeller. Als langjähriger Krimi-Kritiker der Times ist er eine Autorität auf seinem Gebiet. Für seine 21 Romane (von 1964 bis 2000) mit Inspector Ghote aus Bombay wurde Keating mehrmals ausgezeichnet. Einige seiner Bücher sind unter dem Pseudonym Evelyn Hervey erschienen.