Stella Blómkvist: Das ideale Verbrechen
10.09.2004
Von Goldjungs und Jackies
Ließe sich ein Ganzes stets als die Summe seiner Einzelteile beschreiben, es stünde schlecht um Stella Blómkvists Roman „Das ideale Verbrechen“. Handlung, Personal, Dramaturgie, Logik: Überall knirscht es bedenklich, leidet die Konstruktion unter statischen Mängeln und dominiert der Holzhammer als bevorzugtes Werkzeug. Und dennoch: Am Ende fällt das Urteil milder aus als erwartet.
„Das ideale Verbrechen“ ist der zweite Krimi einer unter dem Pseudonym „Stella Blómkvist“ schreibenden „bekannten isländischen Persönlichkeit“. Auch seine / ihre Protagonistin, eine trinkende, fluchende, one night stands nicht abgeneigte Rechtsanwältin, hört auf diesen Namen. Stellas aktueller Fall ist verzwickt: Eine Fernsehredakteurin wird vor laufenden Kameras vergiftet, zudem gerät die wackere Anwältin in gefährliche Konflikte mit einem Mädchenhändlerring.
Wie schon im ersten Krimi „Die Bronzestatue“ sind es zunächst Kleinigkeiten, die einem die Bekanntschaft mit Stella verleiden. Polizisten bezeichnet sie nervend permanent als „Goldjungs“, subsummiert Schlaf- und Beruhigungsmittel unter „Medi-Dope“ und konsumiert Unmengen von „Jackie“, was die Firma Jack Daniels sicherlich hoch erfreut. Hier scheint der Autor / die Autorin seiner / ihrer Protagonistin keinen flexiblen Wortschatz zu gönnen, aber auch sie / er selbst nimmt es beim Umgang mit den Wörtern nicht so genau.
Denn „Das ideale Verbrechen“ ist ein „schneller“ Roman, so schnell, dass keine Zeit damit vergeudet werden kann, Charaktere sorgfältig zu entwickeln. Ständig hat etwas zu „passieren“, sind Personen eben so wie sie sind, ohne dass uns ein Blick in die Tiefe erlaubt wird. Jenes philippinische Mädchen zum Beispiel, dem Stella gegen die Gangster beisteht, hält sich nahezu gesichtslos am Rande der Handlung auf, nichts ist ihm von jenen traumatischen Erlebnissen anzumerken, aus denen es von Stella gerettet wurde.
Die Anwältin bewegt sich auf der Suche nach der Wahrheit in den höheren Kreisen Islands und zeichnet dabei ein Bild der Gesellschaft, das zwar erfreulich frei von Klischees ist (keine Islandpferdchen!), aber dennoch über eine satirische Karikatur nicht hinauskommt. Nun gut, das ist wohl so üblich in skandinavischen Krimis, aber langsam wünscht man sich doch etwas mehr Realismus.
Hat man das Buch schließlich gelesen, bleibt bei aller Kritik ein überraschend mildes Fazit. Die Handlung selbst ist halbwegs spannend, wenngleich nicht gerade von Logik durchdrungen. Die Fälle konnten zur Zufriedenheit des Lesers aufgeklärt werden, denn wenigstens das Ende des Romans kommt einigermaßen unkonventionell daher. Vielleicht sind die Mängel des Buches gerade seine Stärke und ersparen uns die Peinlichkeiten, die immer dann nicht auftreten, wenn sich Krimiautoren als Psychologen, Gesellschaftsanalytiker und philosophische Feingeister gerieren.
Ein mangelhafter, aber ein „ehrlicher“ Krimi. Weg damit, her mit dem nächsten.
Dieter Paul Rudolph
Stella Blómkvist: Das ideale Verbrechen.
Roman. Aus d. Isländ. v. Elena Teuffer.
Btb Taschenbuch.
224 Seiten, 8,50 ¤.
ISBN: 3-442-72868-1
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