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Hakan Nesser: Sein letzter Fall

12.09.2004

 
Abschied nehmen

Zehn Bände sollten es werden und zehn Bände sind es geworden, die vom Leben und Ringen des Kommissars Van Veeteren erzählen. Der letzte Band heißt erstaunlich schlicht: Sein letzter Fall. Und diese Schlichtheit macht sich für den Leser und die Leserin bezahlt.

 

Wenn ein Krimiautor eine Serie beenden will, dann gibt es - will er sich nicht einfach davonschleichen - zwei Möglichkeiten, den Abschied einzuläuten: Er entlässt seinen Helden mit einem furiosen Finale in die Zukunft - die für die Leserschaft lockend unklar bleibt. Oder er geht zurück zu den Anfängen, auch um noch einmal das lesend Miterlebte an den Ursprung zurück zu führen - so wie das etwa unlängst Henning Mankell mit der losen Erzählsammlung "Wallanders erster Fall" vorgeführt hat.

Auch Hakan Nesser, der zweite große Schwede, hat sich für diesen Weg entschieden. So ist es denn eine Zahl, die den Takt vorgibt: 1987. Ein Jahr, in dem entscheidendes nicht nur im Leben des Kommissars Van Veeteren geschehen wird: Ein leicht derangierter Privatdetektiv erhält einen Auftrag, die Auftraggeberin liegt wenig später in einem von allem Wasser entleerten Pool und unser Kommissar steht vor der Aufgabe, den Täter zu finden, während unser Detektiv sich ebenfalls seine Gedanken über den Mörder macht. Dieser hat durchaus seine Verbindungen mit dem grüblerischen Kommissar und dem haltlosen Privatschnüffler: die drei gingen als Kinder in eine Schule; die drei hatten schon in der Vergangenheit kriminalistisch miteinander zu tun: da war der Privatdetektiv noch Ermittler mit staatlichen Bezügen und der heutige Mörder in eine Drogengeschichte verwickelt.

So verbindet die drei nicht nur die schulische Vergangenheit, sondern die Gegenwart, die - das ist so - auch auf die Zukunft sich erstrecken wird. Doch ist dem Täter nichts nachzuweisen, sie müssen ihn laufen lassen und diese Wunde schmerzt.
Ein Schmerz ist es, der anhält und sich über die Jahre verpuppt; gelegentlich pocht, sich so gelegentlich bemerkbar macht und der offen aufbricht, als eines Tages im Anfangs noch weit entfernten 2002 die Tochter des Detektivs das kleine Antiquariat aufsucht, in dem Van Veeteren nach seiner Kündigung aus dem Polizeidienst seiner eigentlichen Bestimmung nachgeht: Kaffee trinken, im Sessel sitzen und lesen und noch mehr denken und vor allem nachdenken. Was die Tochter zu berichten hat, lässt allerdings alles wieder zurückkehren: Ihr Vater ist spurlos verschwunden, hinterließ nur eine Nachricht, demnach er den damaligen Täter jetzt festnageln könne.

Vorwärts leben, rückwärts begreifen, gegenwärtig ermitteln

Dass wir unser Leben vorwärts leben müssen, es aber rückwärts begreifen - dieses Kierkegaard-Zitat legt Nesser seinem Helden zwischendrin wie beiläufig in den Mund. Womit man den Kern dieses Romans kurz zu fassen bekommt: um das Knirschen im ganz persönlichen Gebälk geht es, wenn wir nicht anhalten können, um darüber nachzudenken, was gerade passiert, weil die Zeit uns mit sich reißt. Um jenes Paradox also, das uns im Alltag den Satz so gern sagen lässt: Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann ...
Van Veeteren erhält - exemplarisch für uns - diese Chance, das Rad der Geschichte wenigstens durch die Einführung der Gerechtigkeit zurück zu drehen. Und er nimmt sie an, rafft sich auf und mit Hilfe seines einstigen Teams, das uns durch die vergangenen neun VV-Bände begleitet hat, rückt er dem Täter und damit der abgekapselten Vergangenheit auf den Pelz.
Sehr angenehm ist der ruhige Ton, in dem das Werk gehalten wird, der dennoch genug Spannung aufbaut, um das zu erzeugen, was man von einem Krimi zu Recht erwarten kann: das Verlangen, ihn nicht mehr aus der Hand zu legen. Sehr angenehm auch, dass Nesser der Versuchung widerstanden hat, nun für den Fan seiner Bücher ein Netz aus Verweisen, Zitaten und Bezügen auszulegen, auf dass sich eine Art Ingroup der Nesser-Leser bildet. Auch - und das wird es geben - wer noch nie einen VV-Krimi in der Hand gehalten und später auf dem Nachttisch abgelegt hat, kann mit "Sein letzter Fall" einsteigen. Vielleicht hat dieser Leser oder diese Leserin ein noch größeres Vergnügen, als der gemeine Nesser-Kenner. Es muss wunderbar sein, mit diesem letzten Werk zu starten, sich alsbald chronologisch von "Das grobmaschige Netz" bis zu "Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod" zu lesen, mit dem letzten Band zu schließen und zu erfahren, dass der Kreis keinen Anfang kennt.

Ergänzt wird "Sein letzter Fall" durch ein kleines Heftchen (beim Kauf unbedingt darauf achten, dass es beiliegt!), in dem der Skandinavist Eugen G. Brahms auf heitere und unprätentiöse Weise durch das Werk Hakan Nessers führt, wobei zwischendurch der Eindruck nicht weichen will, Nesser selbst könnte hier womöglich das eine oder andere Wort hinzugesteuert haben.
Und last but not least das Trostpflaster: fünf Romane Nessers sind noch nicht ins Deutsche übersetzt worden, was ja nicht so bleiben muss.

Frank Keil-Behrens


Hakan Nesser: Sein letzter Fall.
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt.
BTB, München 2004
2004. 537 Seiten, 23,90 ¤.
ISBN-3-442-75080-6

Zitat:
"Auf dem Weg zu seiner Arbeit kaufte der Privatdetektiv Maarten Verlangen am Dienstag, dem 3. Juni, sechs Bier und sechs Staubsaugerbeutel ein.
Ersteres war Routine, Zweiteres war außergewöhnlich. Seit Martha sich vor fünf Jahren hatte von ihm scheiden lassen, waren seine Putzambitionen nicht mehr so ausgeprägt gewesen wie jetzt, und mit dem etwas fremden Gefühl eines guten Gewissens schloss er die rostschutzfarbene Eisentür auf und nahm sein Büro in Beschlag."

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