John Burdett: Der Jadereiter
04.10.2004
Tödlicher Biss einer Kobra
Mit John Burdetts „Der Jadereiter“ liegt ein Thriller vor, der sich manchmal sprachlich und inhaltlich als sprunghaft präsentiert aber durchdrungen ist von der Begeisterung seines Autors für den Handlungsort: Thailand.
John Burdetts Thriller entführt in fremd anmutende, fernöstliche Gefilde und Traditionen, Bräuche und Glaubensrituale. Exotisch und weltoffen kommt er daher, im Gepäck eine reißerische Story zwischen Prostitution und Gewalt, Drogen und Korruption, Kunst und Kunstfälschung. Ein amerikanischer Jadehändler stirbt in seinem Wagen am Biss einer Kobra. „Viele Amerikaner haben Angst vor Schlangen, sogar Marines. Der Vietcong hat sie in den Tunnels ... höchst wirkungsvoll eingesetzt.“ Sonchai und Pichai, beide Polizisten im 8. Bangkoker Bezirk, waren William Bradley auf der Spur, beim Bergen seiner Leiche kommt Pichai ebenfalls ums Leben. Sein Kollege, der Ich-Erzähler des Romans, schwört Rache.
Begeisterung für ein Land
Der Thriller ist schwer einzuordnen, hat viele Ebenen, die sich manchmal dramatisch zu Brennpunkten verdichten, dann wieder meilenweit voneinander entfernen. Ein Jadereiter, eine kleine Figur aus dem „spirituellsten aller Steine“ steht im Mittelpunkt. „Richtig bearbeitet und poliert, gibt er einen mystischen Glanz ab, der aus seinem Herzen zu kommen scheint – ein Widerhall des Nirwana.“ 470 Seiten, eine lange Strecke, auf der Spannung und Dramatik nicht immer gleichbleibend fesseln und mitreißen. Manchmal etwas konfus, fast zu knappe Kapitel, wechselnde Orte, kühne Gedankensprünge und eine Sprache, die sich der Sprunghaftigkeit der Gedanken angepasst hat. Weniger wäre mehr gewesen, hätte Story und Buch eine geschliffenere Gestalt gegeben. Viel hat der Autor hineingepackt, vielleicht zu viel. Eines aber kommt ganz sicher zum Ausdruck, Thriller hin oder her: die Begeisterung eines Autors für ein Land. John Burdett hat lange und immer wieder in Thailand gelebt, sein Plan war, einen Roman über ein so genanntes „Dritte- Welt-Land“ zu schreiben. „As soon as I decided to write about Bangkok I realized that the sex industry possessed that combination of intrigue, human interest and inversion of values which make a novel worth reading,“ sagt Burdett in einem Interview. Das stimmt dann auch tatsächlich: Atmosphäre, die Farbigkeit des Landes, seine Besonderheiten und Eigenheiten präsentieren sich scharf und klar. Da schreibt ein Insider!
Geschmiert wird weltweit
Sonchai, der unbestechlich ist, ein „eifriger Verfechter der Umverteilung des globalen Reichtums von West nach Ost“, ist Sohn einer Prostituierten, aufgewachsen in ärmlichem Milieu. Von ihm kommen Einschätzungen und Wertungen über seine Heimat, die deutlich ausfallen und auf den Punkt gebracht sind: „Allmählich bekomme ich den Eindruck, dass einundsechzig Millionen Menschen auf die eine oder andere Weise an einem verbrecherischen Unternehmen beteiligt sind, das von der Polizei geduldet oder sogar unterstützt wird. Kein Wunder, dass die Angehörigen meines Volkes immerzu lächeln.“ Ein ganz besonderes Verhältnis herrscht zwischen seiner Mutter Nong und ihm. Ideale, die der Roman-Held hat, erwachsen aus einer armseligen, aber glücklichen Kindheit. So ist er eine Ausnahme, was Bestechung und Korruptheit angeht, weiß aber über seinen Berufsstand: „Bestechungsgelder abzulehnen, war schlimm genug, aber Gratissex auszuschlagen, konnte fast schon als aufwieglerisch gewertet werden.“ Und was im Kleinen gilt, hat auch Gültigkeit für international vernetztes Verbrechen. Geschmiert wird eben weltweit. „Die CIA zahlt bar, wir erweisen uns erkenntlich, indem wir auf die Verfolgung von Zollvergehen verzichten.“
Mit Sympathie und Verständnis
Thailand und Prostitution, das sei, so Burdett , keineswegs nicht dasselbe, aber natürlich bricht es im Roman immer wieder durch. Dennoch, Burdett hat auch hinter die Fassaden geschaut und meint mit überzeugendem Respekt: „When I started to investigate, mostly by interviewing the girls ... I began to admire them more and more. They ... practice Buddhist compassion by helping each other, send a huge proportion of their money home to support children, parents, brothers, sisters, often live as many as 10 or 12 to one room, manage to dress better than most Western women and keep their spirits and sense of humor – it might not be respectable but in my view it is definitely heroic!“ Da schwingt viel Sympathie und Verständnis für ein Land mit. Das spiegelt sich auch im Stolz des Ich-Erzählers auf seine Mutter wider, jener „Frau, „die ihren Körper verkaufte, um mich großziehen zu können.“
Dass ein Autor seine Geschichte in ferne Länder verlegt, kommt sicher häufig vor, mit mehr oder weniger großem Erfolg, dass aber ein weit gereister Autor mit so viel Insider-Kenntnis, Überzeugung und Herz Bangkok als Bühne wählt, ist wohl eher selten, allein deshalb schon lohnt die Lektüre.
Barbara Wegmann
John Burdett: Der Jadereiter Thriller. Aus d. Amerikan. v. Sonja Hauser Piper- Verlag Gebunden. 470 Seiten. 19,90 ¤. ISBN: 3492046002
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