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Robert Hough: Das Geständnis der Mabel Stark

11.10.2004

 
Es lebe der Zirkus

Vom prallen und vor allem mutigen Leben der Mabel Stark erzählt dieser Roman, der für jeden Zirkusinteressierten ein absolutes Muss ist. Robert Hough gelingt es in seinem Debüt den Leser zu überzeugen.


 

Zu Beginn, wir schreiben das Jahr 1907, ist Mabel eine junge Krankenschwester, die das Schicksal in die Arme ihres ersten Mannes treibt, der sie kurzerhand in die Nervenheilanstalt steckt. Ja, so was konnte damals jungen Frauen passieren, wenn sie sich im Bett, aus der Sicht des Mannes, als untauglich erwiesen. In den dunklen Bädern, in denen die Nervenkranken damals ihre „Anwendungen“ über sich ergehen lassen mussten, konnte die Seele tatsächlich zu Schaden kommen. Mabel gelingt jedoch bald die Flucht und schließt sich einem Wanderzirkus an, ein Ort an dem die Verrückten und die Exzentriker zu Hause sind. Zunächst arbeitet sie dort als Tänzerin, bald schon als Dompteuse von Raubkatzen. Dort erleben wir, wie die junge Frau ihren Kopf in den Rachen eines Löwen steckt.

Mabel ist stark

Der Nachname, genau wie der Vorname selbst gewählt, macht eigentlich schon ihren Charakter deutlich: Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes stark, denn ihr unglaublicher Mut ist das wirklich Faszinierende an ihr. Sehr passend hat der Autor Robert Hough die Ich-Perspektive Mabels gewählt, die in anekdotenhaftem Tonfall in der Zeit hin und herspringt, und dem Leser auf ein paar hundert Seiten ihr Leben beichtet. Und das ganz offen, ruppig und immer mit einer gehörigen Portion Humor. Eine wirkungsvolle Art, den direkten Eindruck eines prallen Lebens zu vermitteln. Dafür sorgen die fünf Ehemänner ebenso wie die sprichwörtliche Zirkusluft selber, diese Atmosphäre des Einzigartigen, in der die fahrenden Gesellen, die sich „Carnies“ nennen, abgeleitet von Carnival, ihr abenteuerliches Leben führen. Und dabei erleben wir die Blüte des amerikanischen Zirkus in den zwanziger Jahren, in der Zirkusse von riesigen Ausmaßen durchs Land zogen. Tausend Artisten und Mitarbeiter sorgten in zum Teil riesigen Fünf-Manege-Shows, in denen Platz für bis zu 12.000 Menschen war, für atemberaubende Unterhaltung. Größenverhältnisse, die wir uns heute kaum noch vorstellen können.

Höhepunkt und Niedergang

Mabel Stark entwickelt sich im Laufe der Jahre zur unbestrittenen Königin der Tigerdressur. Sie bringt ihren bis zu einem Dutzend Katzen Kunststücke bei, die sonst nirgends zu sehen waren. Sie springen durch Ringe, stellen sich zu Pyramiden auf, balancieren über Seile und vieles andere mehr. Doch der eigentliche Star des Buches ist Rajah, ein bengalischer Tiger, der, wie uns die Erzählerin Stark erklärt, zwar kein Mann war, sich aber für einen hielt. Und das im wortwörtlichen Sinn: Denn was für den Zuschauer in der Manege wie ein gefährlicher Kampf aussieht, ist in Wahrheit ein Liebesspiel, an dessen Ende Rajah kommt und dabei ein majestätisches Fauchen hervorstößt. Doch schließlich hatte sie ihn ja selbst großgezogen und eine intime Beziehung aufgebaut, wodurch dieser Trick stets funktionierte. Dennoch sind die Tigernummern nie eine ungefährliche Angelegenheit gewesen, vielmehr erleben wir die kleineren und größeren Unfälle und Katastrophen – Mabel wird schließlich schwer verletzt und landet in späteren Jahren als Tierpflegerin in einem Wildpark. Als man ihr dort 1968, sie ist hier immerhin um die achtzig, kündigt, begeht sie Selbstmord. Ein Leben ohne ihre geliebten Katzen erschien ihr unmöglich. Al G. Barnes, für den sie lange Jahre gearbeitet hatte, resümiert an einer Stelle des Buches einmal über das Leben beim Zirkus. Er sagt dort: „Was kümmert einen das bisschen Pech, wenn man es mit dem vergleicht, was man alles erlebt hat?“ Und das ist im Falle Mabel Starks, so möchte man nachschicken, eine ganze Menge.

Frank Kaufmann


Robert Hough: Das Geständnis der Mabel Stark
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Hedinger
Unionsverlag 2004.
Gebunden. 464 Seiten, ¤ 22,90 ¤,
ISBN: 3-293-00335-4

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