Jeffery Deaver: Der faule Henker
18.10.2004
Spannender Thriller
Der neue Deaver setzt die bekannte Serie mit dem Duo Rhyme und Sachs im Zauberer- und Illusionistenmilieu fort. Actionreiches Infotainment mit Abstrichen in puncto Glaubwürdigkeit erwartet den geneigten Leser.
Verehrtes Publikum, Sie erleben nun eine außergewöhnliche Darbietung! Und ich kann Ihnen versprechen, dass Sie Ihren Augen und Ohren nicht trauen werden! Ein solchermaßen angelocktes Lesepublikum merkt schnell: Diesmal haben es der gelähmte, geniale Ermittler Lyncoln Rhyme und seine attraktive Partnerin Amelia Sachs wirklich verdammt schwer. Denn der hier durchs Dorf respektive durch die Straßenschluchten von Manhattan getriebene Serienkiller, kurz „der Hexer“ genannt, scheint über geradezu übernatürliche Fähigkeiten zu verfügen. Gleich zu Beginn verschwindet er nämlich auf rätselhafte Weise – eine interessante Variante des allseits geschätzten Locked-Room-Rätsels. Die Polizei reibt sich die Augen. Wie konnte der Täter nur vom Tatort verschwinden? Dieser, soeben von zwei Streifenpolizisten auf frischer Tat überrascht, flüchtet sogleich in einen fensterlosen Raum und, piff paff puff, löst sich in Luft auf – scheinbar jedenfalls. Das beklagenswerte Opfer, eine junge Musikstudentin, hat davon aber nichts mehr mitbekommen. Sie hat den Zaubertrick mit der Bezeichnung „Der faule Henker“ nicht überlebt. Bei diesem Trick liegt der Künstler auf dem Bauch, die Arme sind mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, die Füße mit einem Seil verschnürt, die Knie gebeugt und das andere Ende des Seils um den Hals verknotet. Kann sich der Mensch nicht rechtzeitig befreien, so sorgt ein natürlicher Reflex dafür, eine Strangulation herbeizuführen indem er die Beine streckt. Die junge Musikstudentin hatte natürlich keine Chance sich zu befreien. Kurze Zeit später schlägt der Hexer dann erneut zu. Und es wird klar: der Hexer ist ein professionell ausgebildeter Illusionist.
Meister des Infotainments
Dieses Buch garantiert zweifellos eine spannende Lektüre. Die atemberaubend in Szene gesetzten Action-Szenen wechseln mit Szenen ab, die einen Einblick in die geheimnisvolle Welt der Illusion und der Zauberei gewähren, insbesondere kleinere Tricks werden da schon mal verraten. Daneben erfährt der Leser auch wieder einiges über die modernen forensischen Ermittlungsmethoden. In puncto Glaubwürdigkeit wird er dagegen ein paar Abstriche machen müssen, denn es führt kein Weg an der Frage vorbei, warum der Täter all die trickreichen Anstrengungen und Mühen, all die großen und kleinen Ablenkungsmanöver in Kauf nimmt, um letztlich ein ziemlich simples Ziel anzuvisieren, das er ohne den ganzen Zauber viel besser hätte erreichen können und hinter dem ein noch simpleres Motiv steckt. Hier entsteht am Ende ein leicht konstruierter Eindruck, so als habe sich der Täter alles nur für den Superermittler Rhyme ausgedacht. Eine Privatvorstellung für den genialen Rhyme, der natürlich auch diesmal wieder reüssiert. Insgesamt aber erweist sich Jeffery Deaver erneut als Meister des Thrillers, der leicht verdauliches und actionreiches Infotainment bietet. Geschrieben ist der Text in einem schnell dahinbrausenden Stil, absolut verständlich und stark visuell, weswegen er sich für eine spätere Verfilmung geradezu anbietet.
Frank Kaufmann
Jeffery Deaver: Der faule Henker
Roman
Deutsch von Thomas Haufschild
Blanvalet 2004,
Geb. 480 Seiten, ¤ 22,90,
ISBN: 3-7645-0179-0