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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:13

 

James Siegel: Entgleist

15.11.2004

 
Thriller bester Machart

Inspiriert von einem Zeitungsartikel erzählt James Siegel in „Entgleist“, wie das Leben eines Durchschnittsmenschen durch einen Seitensprung und einen Gewaltakt immer mehr aus den Fugen gerät.


 

„Charles war... entgleist, unwiderruflich und auf spektakuläre Weise.“ Ein Moment ist es, ein einziger Augenblick nur, der das Leben von Charles Schine, verheiratet, ein Kind, völlig umkrempelt, ihn ohne jede Vorankündigung aus der Bahn wirft. Morgens, im Zug, auf der Fahrt zur Arbeit lernt der Werbetexter die ebenfalls verheiratete Börsenmaklerin Lucinda kennen. Es dauert nicht lange und jene Frau, „zwischen elegant- sexy und schlampig- ordinär“ flüstert ihm ins Ohr: „Sie sind der aufregendste Mann, dem ich je begegnet bin.“ Natürlich lässt Charles dieses Kompliment nicht kalt, es kommt wie es kommen muss, die beiden landen in einem Vorstadt- Hotel und fast fragt man sich, was so aufregend sein wird an einer so altbekannten Beziehungskonstellation. Aber aus dem amourösen Vorgeplänkel entwickelt sich in ungeahnter Windeseile ein Thriller bester Machart. Die beiden werden im Hotelzimmer brutal überfallen, Lucinda mehrfach vergewaltigt.

Leben als Abfolge von Katastrophen

Das Tempo des Thrillers ist ausgesprochen flott und fesselnd, die Kapitel oft sehr kurz, Szene an Szene, Schlag auf Schlag. Genial, wie James Siegel bis zur letzten Seite Form, Inhalt, Stil und Konzept so fest am Zügel hat. Zwar gibt es ein, zwei Stellen im Roman, wo Zufälle arg zufällig aufeinander treffen, die konstruierende Hand des Autors sich allzu deutlich an die Oberfläche mogelt. Dennoch ist das Buch insgesamt glänzend geschrieben, bleibt überaus spannend bis zur letzten Seite, ohne Einbrüche und Durststrecken. Im Gegenteil: die Story entwickelt etwas Hypnotisches, irgendwann bemerkt man schon gar nicht mehr das Umblättern. Auf langen Strecken hat man das Gefühl, schon längst zu wissen, wie es ausgeht, was keineswegs Langeweile aufkommen lässt, denn bis zur letzten Seite keimt immer wieder neue Spannung durch überraschende Wendungen und Unvorhergesehenes auf. „Mein Leben hatte sich in eine einzige Abfolge von Katastrophen verwandelt, wie ein entgleister Zug.“

Vor Jahren hatte James Siegel einen kleinen Zeitungsartikel gelesen, in dem einem verheirateten Mann und einer verheirateten Frau Ähnliches passiert. „I thought it was a story...and a delicious starting point for a thriller.“ sagt er in einem Interview. „I grew up watching Hitchcock- and so many of his movies involved an ordinary Joe thrown into extraordinary circumstances.“ Aus der gewohnten Welt in eine völlig neue, als absurd empfundene, fremde und hier auch noch brisante und gefährliche Situation, das reizte Siegel. Und das reizte offenbar auch den schwedischen Regisseur Mikael Hafstrom, der den Stoff demnächst verfilmen wird mit Clive Owen und Jennifer Aniston in den Hauptrollen.

„Ich war blind gewesen. Nun aber kann ich sehen“ sagt Charles Schine. Die eigenen Augen sollte man nach 367 Seiten etwas ausruhen lassen, die aber werden bestimmt ohne große Pausen gelesen.

Barbara Wegmann


James Siegel: Entgleist.
Thriller. Aus d. Amerikan. v. Axel Merz.
Verlag Ehrenwirth 2004
Gebunden, 367 S., 18 ¤
ISBN: 343103585X

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