Alice Blanchard: Sturmfieber
29.11.2004
Der Sog des Tornados
Es geht stürmisch zu in Alice Blanchards Buch „Sturmfieber“, und das von der ersten Seite an – keine Pause, keine Erholung, kein Verschnaufen. Erst nach 400 Seiten legen sich Sturm und Spannung. Das ist ein absolut großartiger Thriller, der es an literarischer Windstärke mit jedem Tornado lässig aufnehmen kann.
Charlie Grover, Polizeichef in dem kleinen Städtchen Promise in Oklahoma ist entsetzt: drei Leichen auf einer vom Tornado zerstörten Farm, brutal getötet. Schnell macht der Pathologe klar: Rob, Jenna und ihre Tochter Danielle wurden bestialisch ermordet und abartig zugerichtet. Bewusst hat jemand den Ausbruch des Tornados für seine mörderischen Pläne genutzt. Und dies wird kein Einzelfall bleiben. Weitere Verbrechen geschehen, der Serientäter wird wieder zuschlagen, ebenfalls direkt im Brennpunkt eines Tornado-Geschehens. Aber wer und warum?
„Er hat gewußt, dass gestern nachmittag ein Tornado genau hier durchziehen würde. Irgendwie hat der Scheißkerl das gewußt.“
Stürmischer Stil
„Ein Dreifachmord. Rituelle Tötung. Hier bei ihnen, in Oklahoma.“ Die Welt steht Kopf in dem kleinen Städtchen. Auch hier gibt es Sturm-Jäger, denen das „Storm-Chasing“ eine hohe Kunst ist. „Das ist ein Haufen Besessener. Sie sind süchtig nach extremen Wetterverhältnissen. Die würden Tausende von Meilen fahren, nur um fünf Minuten lang einen Tornado beobachten zu können.“ Wenn das Sturmfieber eben ausbricht...
Mit Alice Blanchard geht dieses Fieber förmlich durch, von der ersten Seite an fesselnde Spannung, wie in einem Sog, wie in den Trichter eines Tornados gezogen. „Das sind nicht einfach nur Stürme. Jeder davon ist ein kleines Universum für sich. Eine Mauer aus schierer Kraft.“ Ebenso kraftvoll präsentiert sich der Thriller, er ist temporeich und in seiner schnellen Szenenfolge dynamisch wie ein Wirbelwind.
Umwerfende Kombination
Viel Lehrreiches bietet der Thriller so ganz nebenbei, so die Chaos-Theorie, die Willa Bellman im Windtechnologischen Institut erklärt: „Ein Schmetterling schlägt in China mit den Flügeln, und am nächsten Tag gibt es in Oklahoma einen Tornado.“ Naturkatastrophen sind international.
Willa steht Charlie mit Rat und Tat zur Seite und ist so ganz nebenbei auch eine angenehm attraktive Frau. Charlie, allein erziehender Vater einer pubertierenden Tochter taut auf, hat aber im sonstigen Geschehen noch viel mit seinem Kindheitstrauma zu tun: Sein Vater hat ihn geschlagen, erniedrigt, misshandelt. Dennoch geriet er nicht auf die schiefe Bahn damals, steht heute auf der „guten“ Seite und jagt den, der seinen Psycho-Knacks aus Kindheitstagen in perversen Verbrechen auslebt. Das Finale, wo man auch die „Geburt einer Mega-Tornado-Superzelle“ miterleben darf, gerät so zu einem stürmischen Furioso. Tolle Story, eingebettet in meteorologisches Geschehen, das man kennt und das für sich gesehen schon ein Krimi ist. Diese Kombination ist umwerfend!
Barbara Wegmann
Alice Blanchard: Sturmfieber.
Übers. von: Rudolf Hermstein.
Hoffmann & Campe 2004,
Gebunden, 400 S., 21,90 ¤.
ISBN: 3455003753