Boris Akunin: Pelagia und der rote Hahn
29.11.2004
Krimi ohne Klärungsbedarf
Meisterlich und witzig, spannend und voller abseitiger Gelehrsamkeit, man lernt also sogar noch etwas, und das ist nun wirklich schon fast mehr, als man für einen Zehner erwarten kann.
Wenn es dem Leser mitten in einem Krimi allmählich gleichgültig wird, wer hier nun wen warum um die Ecke gebracht hat, dann ist das allgemein ein schlechtes Zeichen. Genau das ist mir bei Boris Akunins Roman „Pelagia und der rote Hahn“ passiert, dem letzten Band einer Trilogie mit der scharfsinnigen russischen Nonne, die, wie nur je eine Miss Marple, an keinem Verbrechen vorbei kommt, ohne es zwanghaft aufklären zu müssen.
Es war mir also egal. Und ich habe mich dabei wohlgefühlt. Pelagia, mit ihrem Bischof auf dem Schiff unterwegs, wird Zeugin eines Mordes am Propheten einer obskuren Sekte auf dem Weg ins gelobte Land Palästina. Das Buch dürfte um die vorletzte Jahrhundertwende spielen, eine turbulente Epoche, auch und gerade in der russischen Geschichte, und so begegnen wir schon auf diesem Schiff einem bunten Reigen allermerkwürdigster Personen. Und die Turbulenzen setzen sich fort: Ermittler tauchen auf und verschwinden wieder, Nebenpersonal betritt prall und liebevoll eingeführt die Szenerie – bis ein unbarmherziger Killer mit einem fürchterlichen Schlag seiner hoffnungsvollen Existenz ein jähes Ende bereitet. Und, natürlich, die Landschaften. Abgelegene russische Käffer mit den dazugehörigen Käuzen, Schlösser samt skurrilen Insassen, Städte voller Intrigen, und, dies vor allem, das Heilige Land selbst, ein Treffpunkt bizarrer Sekten, Kibbuzim ebenso wie Schwule, die ihr neues Sodam erbauen wollen.
Das alles wird, man kann es nicht anders sagen, meisterlich und witzig erzählt. Die Hauptfiguren, angeführt von Pelagia selbst und dem heimlich in sie verliebten Staatsanwalt Berditschewski, agieren mit seltener Plastizität und sind weit von der genreüblichen Schablonenhaftigkeit entfernt. So liest man sich durch das Buch, begleitet Pelagia auf ihrer aberwitzigen Reise durch Palästina, und am Ende...
Ja, das Ende. Man nimmt es eh nur noch als einen Bonus, und wenn’s denn nicht halten sollte, was der Autor 500 Seiten lang versprochen hat, ist man ihm auch nicht gram. Aber keine Sorge. Am Schluss löst sich alles aus – oder doch nicht? Hat man uns (und die Nonne dazu) betrogen oder sollte tatsächlich... Für eine gute Weile schreibt sich das Buch in unserem Kopf weiter, wahrlich nicht das Schlechteste, was man über ein Stück Literatur sagen kann, aber man hat eben so selten Gelegenheit dazu.
Boris Akunin, überaus erfolgreich, ist hierzulande mit mehreren Krimis um den Ermittler Fandorin bekannt geworden. Typische „Whodunits“, bei denen dem Leser schließlich der Mörder aus einem üppigen Strauß von Verdächtigen herausgezogen wird. „Pelagia und der rote Hahn“ ist der vorläufige Höhepunkt Akunin’schen Schaffens. Witzig und spannend und voller abseitiger Gelehrsamkeit, man lernt also sogar noch etwas, und das ist nun wirklich schon fast mehr, als man für einen Zehner erwarten kann. Das läse man selbst dann mit Vergnügen, wenn man feststellen müsste, dass die letzten 50 Seiten fehlen.
Dieter Paul Rudolph
Boris Akunin: Pelagia und der rote Hahn. Aus d. Russischen v.: Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann Goldmann Verlag München 2004, Taschenbuch. 543 S. 9,95 ¤. ISBN 3-442-45501-4
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