Der Osten von Texas mag ja noch Glück gehabt haben. Er liegt, man schreibt das Jahr 1933, außerhalb jenes riesigen Dürregebiets, das als „dust belt“ die „Great Depression“ auslöst, in deren Verlauf viele der Betroffenen gen Kalifornien flüchten. Aber Glück ist relativ. Auch im texanischen Osten ist das Leben hart. Es gibt noch riesige, verschwiegene Wälder, Sümpfe mit Alligatoren und die schreckliche, weil rassistische Seite der Südstaatenfolklore.
Hier, in einem kleinen Kaff, lebt der elfjährige Harry mit seinen Eltern und der jüngeren Schwester Tom. Der Vater ernährt seine Familie mit gleich drei Berufen. Er ist Farmer, Friseur, Dorfpolizist, das reicht gerade so zum Überleben.
Eines Abends entdecken die Geschwister die übel zugerichtete Leiche einer Schwarzen. Nicht die erste in dieser Gegend, wie der in seiner beruflichen Eigenschaft hinzugezogene Vater recherchiert, doch hatte man sich bisher nicht die Mühe gemacht, der Sache nachzugehen. Eine Schwarze, noch dazu eine übel beleumundete, kann nur von einem Schwarzen ermordet worden sein, und das interessiert nicht.
Harrys Vater schon – und seinen Sohn noch mehr. Dieser hat auch gleich eine Theorie: Der Ziegenmann war’s, eine mythische, unheilbringende Gestalt der dunklen texanischen Wälder. Beide beginnen nun mit den Ermittlungen, mal getrennt, mal gemeinsam, und in was sie sehr rasch geraten, ist natürlich auch ein Sumpf mit Alligatoren. Menschlichen, versteht sich. Harrys Vater wird bedroht, der Ku Klux Klan erscheint in seiner üblichen Verkleidung, ein Verdächtiger wird gelyncht, weil er schwarz ist, und das Morden geht weiter. Bis zum großen Showdown im Wald.
Joe R. Lansdales Roman ist jedoch mehr als eine spannende Mörderjagd. Auf den Täter kommt der einigermaßen gewiefte Leser eh schon recht früh. Zwei Kunstgriffe sorgen dafür, dass sich das Spannungsmoment von der eigentlichen Krimistory löst. Zum einen ist „Die Wälder am Fluss“ die Beschwörung einer Kindheit, denn Harry erzählt die Geschichte 70 Jahre später, ein nur noch dank medizinischen Geräteparks am Leben erhaltener Greis in einem Altersheim. Zum anderen fokussiert Lansdale die ganze Tragik der Ereignisse in einer Figur, der des Vaters. Er, der biedere und schnell überforderte Dorfpolizist, befindet sich im Zwiespalt zwischen Herkunft und Gewissen, den Ritualen der rassistischen Weißen und einer aus Erfahrung gewachsenen Sympathie für die Schwarzen. Der dadurch entstehende Konflikt zerstört ihn beinahe.
Auch das Nebenpersonal des Romans überzeugt, wenn auch die später zur Familie stoßende Großmutter in ihrem detektivischen Eifer etwas zu deutlich die Handlung vorantreiben muss und wohl nur dieser Aufgabe ihren Auftritt in der Handlung verdankt. Schwächen hat das Buch ausgerechnet bei seinem Ich-Erzähler, dem kleinen Harry. Für einen Elfjährigen ist er manchmal entschieden zu „reif“, und der Zufälle, die ihn zum geheimen Beobachter der Ereignisse machen, sind ein wenig zu viele.
Dennoch: Ein wirklicher Einwand kann das nicht sein. „Die Wälder am Fluss“ ist ein atmosphärisch dichter, spannender Krimi, episch, aber nie langweilig erzählt. Ach, und übrigens: Den Ziegenmann gibt es natürlich wirklich.
Dieter Paul Rudolph
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Joe R. Lansdale: Die Wälder am Fluss.
Aus d. Englischen v.: Mariana Leky,
DuMonts Kriminalbibliothek Nr. 1138, Köln 2004,
Taschenbuch. 543 S. 8,95 ¤.
ISBN 3832183302