Martha Grimes: Mordserfolg
19.12.2004
Moralische Killer in der Verlagsszene
Martha Grimes neuester Roman sprüht vor staubtrockenem Humor und ätzendem Sarkasmus.
Der Bestsellerautor Paul Giverney spielt ein böses Spiel. Er weiß, dass er den Verlagen Geld bringt. Eine Unmenge Geld. Aber wie weit würden Verlage gehen, um ihn zu kriegen? Giverney wählt den finanzstarken Verlag Mackenzie-Haack und macht ihm ein Angebot. Wenn sich der Verlag von dem renommierten Autor Ned Islay sofort trennt, dann unterschreibt Paul Giverney den Verlagsvertrag. Der Verlagschef und der Programmleiter werden nervös. So leicht wird man den preisgekrönten Schriftsteller Islay nicht los, der zwar keine großen Umsätze liefert, aber dafür einen guten literarischen Ruf hat. Da müssen schon zwei Auftragskiller her. Leider entpuppen sich diese als sehr moralisch. Sie legen ihre Opfer nur dann um, wenn sie es verdient haben. Der Roman sprüht vor Witz und Sarkasmus, sofern man Sinn für staubtrockenen Humor hat. Martha Grimes nennt keine Namen, sie arbeitet mit Bezeichnungen ganz in der Dickenschen Tradition (Mackenzie-Haack, Queeg & Hyde, Dwight Staines oder Old Hotel). Trotzdem dürften sich Kenner der New Yorker Literaturszene nicht schwer tun, die Beschreibungen zu entschlüsseln.
Grimes vergisst nichts. Sie beschreibt nicht nur die brutalen Verlagsmethoden, sondern lässt auch sündteure Schreibkurse, kunstversessene Dichter, geldgierige Agenten, erfolgreiche Genre-Schreiberinnen, Schreibblockaden und das Geheimnis der Bestsellerlisten nicht aus Der unvergleichlichen Schreibkunst und dem trockenen Humor der Autorin ist es zu verdanken, dass „Mordserfolg“ auch für alle Nicht-Insider spannend und vor allem witzig ist. Trotz des blutrünstigen Covers und des Titels der deutschen Ausgabe ist der Roman nicht unbedingt ein Krimi. Viel raffinierter ist der englische Originaltitel „Foul Matter“, der eine Verbindung zwischen Martha Grimes Roman und dem Text ihres Helden Paul Giverney herstellt. Martha Grimes sagte einmal in einem Interview, zu Beginn eines Buches habe sie eine bestimmte Szene im Kopf. Die Story darum herum entwickle sich erst allmählich. Gerade die genaue Beschreibung einzelner Szenen und Figuren ist Grimes Stärke. Sie verliert sich jedoch nicht darin, bleibt nicht an Details haften, sondern es gelingt ihr immer wieder, einen stringenten Plot zu entwickeln.
Stringenter Plot, starke Charaktere
Da die Inspector Jury-Krimis, mit denen sie bekannt geworden ist, in England spielen, wird (die Amerikanerin) Martha Grimes immer wieder mit Agatha Christie verglichen. Vollkommen zu Unrecht. Grimes gut gezeichnete Charaktere sind Legende. Anders als Agatha Christie ordnet sie die Figuren jedoch nicht der Geschichte unter. Hier gibt es keine undifferenzierten Typen, keine simplen Schwarz-Weiß-Figuren. Sie erschafft die liebenswertesten, aber auch die ekelhaftesten Personen. Der titellose Earl Melrose Plant und seine amerikanische Tante aus den Romanen mit Inspector Jury sind mindestens so präzise entworfen wie Jury selbst.
Genauso detailliert malt Martha Grimes die Figuren ihres neuen Buches. Paul Giverney ist eben nicht nur ein erfolgsverwöhnter arroganter Bestsellerautor, er gewinnt auch die Sympathien der Leser. Die eigentlichen Helden des Buches sind die beiden Auftragskiller Karl und Candy. Nicht sie sind die wahrhaft Bösen, sondern die Verlagsmenschen. Denn Karl und Candy killen nur jemanden mit gutem Grund. Dazu müssen sie erst einmal recherchieren. Sie mischen sich in die Literaturszene, beobachten und diskutieren. Jeder von ihnen liest ein Buch der vermeintlichen Schriftstellerkonkurrenten Giverney und Islay. In den naiven Diskussionen der beiden über ihre Leseerfahrungen gelingt Grimes eine indirekte Charakterisierung von Giverney und Islay. Am Ende tummeln sich nicht nur zwei, sondern sogar drei Auftragskiller, es gibt eine Schießerei, Unfall mit Fahrerflucht und Jobrochaden. Und die Moral von der Geschichte? Berufskiller sind oft die besseren Menschen.
Maria-Bernadette Ehrenhuber
Martha Grimes: Mordserfolg. Roman. Aus dem Amerikanischen von Cornelia C. Walter. Goldmann 2004 Gebunden. 416 Seiten, 21,90 ¤. ISBN: 3-442-31008-3
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