Sujata Massey: Der Brautkimono
10.01.2005
Detektivin mit Nippon-Flair
Ein geraubter Kimono, eine ermordete Japanerin und eine halbjapanische Hobby-Ermittlerin: Sujata Masseys Krimi Der Brautkimono beginnt mit viel Nippon-Exotik. Doch das Buch verspricht mehr als es hält.
Ein verlockender Auftrag führt Rei Shimura von Tokio in die USA: Für ein üppiges Honorar soll die 28-jährige Halbjapanerin und Hobbydetektivin eine Sammlung kostbarer alter Kimono zu einer Ausstellung nach Washington D.C. bringen. Kurz nach ihrer Ankunft in den USA wird Rei jedoch ein wertvolles Exponat gestohlen, ein Brautkimono aus dem 19. Jahrhundert. Wenig später findet man eine Japanerin ermordet auf, die Rei im Flugzeug kennen gelernt hatte.
Die Sonne geht auf...
Mit viel Witz und Charme leiert Sujata Massey ihren fünften Krimi um die Halbjapanerin Rei Shimura an. Sehr sympathisch ist die junge Heldin aus dem Reich der aufgehenden Sonne zunächst in ihrer unverkrampften, leicht naiven Art. Als sie mitten in der Nacht das Angebot bekommt, die Kimono nach Amerika zu eskortieren, muss sie vor lauter Aufregung erst mal einen Kamillentee trinken. Und sich anschließend mit ihrem Freund Takeo herumärgern. Der Umweltaktivist und reiche Sohn eines Ikebana-Großmeisters will Rei partout nicht nach Amerika begleiten, weil dort Ketchup als Gemüse durchgeht, jeder eine Schusswaffe besitzt und der Kommerz regiert.
Ähnlich distanziert beobachtet und kommentiert die Protagonistin die Sitten und Gebräuche Japans. Die Tochter einer amerikanischen Innenausstatterin und eines japanischen Psychiaters steht wie die Autorin selbst – eine gebürtige Engländerin indisch-deutscher Abstammung – zwischen den Kulturen. Und tappt dabei des öfteren ins Fettnäpfchen. Als moderne Frau zieht sich Rei in dem traditionsbewussten Land falsch an und hat so ihre Probleme mit dem Tatamae, den japanischen Höflichkeitsregeln. Geschickt streut die Autorin auch Details über die Geschichte des Kimono ein, wie man ihn richtig anlegt und aufbewahrt. Und lässt uns wissen, dass der Plural von „Kimono“ kein „s“ hat.
... und gleich wieder unter
Just in dem Moment, wo mit der Ankunft der Heldin in den USA auch die Krimihandlung beginnt, flacht das Buch jedoch merklich ab. Die Japanerinnen, die im gleichen Hotel wie Rei wohnen, sind durchweg hohle Shopping Victims, die sämtliche Einkaufszentren der Umgebung abklappern. Oder sich vor der Hochzeit mit einem Japaner schnell noch einen one-Night-Stand mit einem amerikanischen Dreamboy genehmigen.
Die Heldin selbst stellt sich derart töricht an, dass man kaum glauben kann, sie habe schon vier Fälle erfolgreich gelöst. Nicht nur, dass sie den Leihschein des Tokioter Museums unterschreibt, ohne sich zu vergewissern, ob für den wertvollen Brautkimono Versicherungsschutz besteht. Sie lässt das gute Stück auch beinahe in einem Restaurant liegen und macht sich keinerlei Gedanken darüber, dass man an der Hotelrezeption ohne Identitätskontrolle neue Schlüsselkarten fürs Zimmer bekommt.
Es kommt, wie es kommen muss: Der Kimono verschwindet aus dem Hotelzimmer. Überzeugender und weniger vorhersehbar wird’s auch nicht nach dem Mord an Hana Matsura, Reis Reisebekanntschaft aus dem Flugzeug. Wacker versucht die Autorin, falsche Fährten auszulegen, die aber so an den Haaren herbeigezogen sind, dass der Leser sie schnell durchschaut. Überhaupt wird die Suche nach dem Kimono und Hanas Mörder zur Nebensache, als Reis Ex-Lover Hugh auf der Bildfläche erscheint. Statt spannender Krimi-Unterhaltung gibt’s jetzt eine wenngleich ganz amüsante Lovestory. Schade, dass die Autorin ihr Potential so verspielt.
Karin Scharschmied
Sujata Massey: Der Brautkimono.
Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser.
Piper Verlag 2004.
Broschiert. 416 Seiten. 14,00 Euro.
ISBN 3-492-27078-6.