Heinrich Steinfest: Nervöse Fische
17.01.2005
Ein Philosoph ermittelt
Heinrich Steinfest, der drittplatzierte Preisträger des Deutschen Krimipreises 2004, überzeugt erneut durch einen Krimi mit skurrilem Ermittler und origineller Geschichte. Die sprachliche Geschmeidigkeit seiner Erzählweise mit ihren treffenden Vergleichen und Metaphern sucht zumindest unter deutschen Krimiautoren ihresgleichen.
Der Wiener Chefinspektor Lukastik steht vor einem Rätsel: Da befindet sich eine zerfetzte männliche Leiche im Pool, und das mitten auf einem Hochhausdach in Wien. Das wäre noch nicht allzu bemerkenswert, merkwürdig ist aber, dass es offenbar keine Zweifel daran gibt, dass der Tote Opfer einer Haiattacke wurde. Aber ein Hai ist weit und breit nicht zu sehen. Und überhaupt: Gibt es Haie in Wien? Der Gerichtsmediziner Dr. Paul schüttelt mit dem Kopf. Und Lukastik behauptet: Rätsel gibt es keine – alles logisch erklärbar. Der Leser ist erst skeptisch, dann gespannt – am Ende staunt er.
Durch den Plot mit Wittgenstein
Ist der Mordfall bereits originell genug, so übertrifft die Figur des Chefinspektors Lukastik doch vieles, was wir zum Thema Sonderling im Krimi kennen. Aber erst beide Krimielemente zusammen erzeugen dann jenes Gemisch an skurriler Exzentrik, die den gesamten Roman hinweg trägt und auf jeder Seite für einen einzigartigen Lesegenuss sorgt. Geht das denn, darf man dem Krimileser eine solch verschrobene Kost tatsächlich zumuten? Man darf – und Steinfest zeigt, wie es geht. Dabei legt Steinfest natürlich seinen Schwerpunkt auf Lukastik, der mit seinem mangelnden Reaktionsvermögen einer Verfolgungsjagd nicht gewachsen wäre. Aber soweit kommt es nicht. Stattdessen zieht er Wittgensteins Tractatus aus der Tasche, um in dem schmalen Bändchen herumzublättern. Das macht er in jeder Pause und immer, wenn er Zeit hat. Andere Ermittler atmen in solchen Situationen vielleicht tief durch, kratzen sich am Kopf oder joggen. Nicht so Lukastik, er rezitiert Wittgenstein.
Rätsel gibt es nicht
Sprachlich passt hier ebenfalls praktisch alles. Die Metaphern und besonders die Vergleiche sind einzigartig und wie zum skurrilen Ganzen gedrechselt. Inhaltlich wäre noch zu sagen: Lukastik klärt natürlich den Fall – soviel sei schon verraten. Der Leser macht eine Reise ins Waldviertel und die Ordnung wird wiederhergestellt, wie sich das für einen Krimi gehört und soweit das eben geht. Tatsächlich gibt es dann am Ende kein Rätsel mehr, genau wie es schon im Tractatus unter Punkt 6.4 steht: Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen, und daher folgt: Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, kann sie auch beantwortet werden. Das hätten wir also geklärt. Fazit? Wer „Ein sturer Hund“ liebt, sollte „Nervöse Fische“ unbedingt kennen lernen.
Frank Kaufmann
Heinrich Steinfest: Nervöse Fische,
Kriminalroman,
München: Piper 2004,
Taschenbuch, 317 Seiten, 8,90 Euro
ISBN 3-492-24280-4