Krystyna Kuhn: Engelshaar
24.01.2005
Der Engel in einer Schattenwelt
Hervorragend recherchiert und sehr spannend ist Krystyna Kuhns Krimi Engelshaar um einen Mord unter Russlanddeutschen. Eine renitente Russen-Gang, eine fundamentalistische Glaubensgemeinschaft und private Probleme bringen die Frankfurter Polizeipsychologin Hannah Roosen an ihre Grenzen.
Ein Mord im Aussiedlermilieu schreckt die Frankfurter Polizei auf: Jelena Epp, ein deutschstämmiges 16-jähriges Mädchen aus Kirgisien, wird ermordet aufgefunden. Die Begleitumstände sind rätselhaft. Jelena wurde in der Badewanne ertränkt, starb jedoch an einem Schock und wurde rituell aufgebahrt wie ein Engel: sorgfältig frisiert, gewaschen und in ein weißes Nachthemd gehüllt. Als auch noch Jelenas Freundin Marina vermisst gemeldet wird, nimmt ein Team um die Polizeipsychologin und Profilerin Hannah Roosen die Ermittlungen auf. Die Arbeit gestaltet sich schwierig: Der Anführer einer Russen-Gang, von dem Jelena schwanger war, hüllt sich in Schweigen. Auch der Vater des Mädchens, der einer strenggläubigen Gemeinschaft vorsteht, verhält sich merkwürdig abweisend.
Ein fremder Kosmos mitten in Deutschland
Die Situation von Aussiedlern in Deutschland und religiöser Fundamentalismus: Gleich zwei diffizile und hoch aktuelle Themen packt Krystyna Kuhn in ihrem dritten Krimi „Engelshaar“ an. Der ist nicht nur spannend geschrieben und hervorragend recherchiert, sondern zeichnet sich auch durch seinen differenzierten Blickwinkel aus. Die Hauptfigur Hannah Roosen will nicht anklagen, sondern verstehen – Russlanddeutsche, die in einem ihnen fremden Land nur unter Ihresgleichen Geborgenheit finden ebenso wie Menschen, die Halt in ihrer Religion suchen und sich vom Rest der Welt separieren.
Dabei entwirft die Autorin das Bild von Paralleluniversen. Die Russen-Gang um Jelenas Freund Kolja und die so genannte Bruderschaft Ebenezer um ihren Vater, die aus der Täuferbewegung hervorging, leben mitten in Deutschland in Schattenwelten. Fremden Kosmologien mit eigenen Regeln, Werten und Gesetzen. Dass die Autorin bei allem Verständnis die Auswüchse dieser Paralleluniversen verurteilt – die kriminelle Energie der Russen-Gang und die Radikalität der Glaubensgemeinschaft – macht das Buch umso überzeugender.
Fegefeuer in Frankfurt
Passend zur religiösen Thematik, aber etwas penetrant ist hingegen die Fegefeuer-Symbolik. Kuhns Krimi spielt im Jahrhundertsommer 2003, der Frankfurt zu einem Backofen macht. Hannah leidet jeden Tag aufs Neue unter der sengenden Gluthitze, gegen Ende wird der Himmel grau, „als läge Asche in der Luft“.
Überflüssig auch die zusätzlichen Komplikationen, die die Autorin in ihre Geschichte einbaut. Als ob sie ihrer Fähigkeit, Spannung zu erzeugen, nicht so recht traut, lässt sie Hannah an der Loyalität ihres Mannes zweifeln, einem Journalisten, der über den Mordfall berichtet. Und setzt sie auch noch dem Dauerclinch mit einem Kollegen aus, der sich urplötzlich in ein aufbrausendes Ekelpaket verwandelt. Diese Handlungsstränge sind wenig orginell und vor allem völlig unnötig. Denn die mysteriösen Begleitumstände von Jelenas Ermordung, die Suche nach dem vermissten Mädchen und die Abgründe, die sich in der Bruderschaft Ebenezer auftun, bieten hinreichend Stoff für den erstklassigen, realitätsnahen und packenden Krimi.
Karin Scharschmied
Krystyna Kuhn: Engelshaar.
Piper Verlag 2004.
Broschiert. 320 Seiten. 13,00 Euro.
ISBN 3-492-27080-8.