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Hansjörg Schneider: Hunkeler macht Sachen

31.01.2005

Der verschrobene Kommissar

Der Baseler Romancier Hansjörg Schneider lässt sich gern Zeit. 1993 veröffentlichte er seinen ersten Roman um den Kommissar Hunkeler. Begleitet von gemächlichem Tempo folgten weitere. Das zahlt sich stets aus: Auch sein fünfter Krimi ist ein Paradebeispiel, wie Langsamkeit einen fesseln kann.

 

Kommissär Hunkeler also. Ein Typ ähnlich wie der des Wachtmeister Studer des Landsmannes Friedrich Glauser. Und an Glauser muss man immer wieder kurz zwischendurch denken, hat man das Glück sich durch einen Hunkelerroman lesen zu dürfen. Das liegt nicht nur am Handlungsort Schweiz, an den eingestreuten schwyzerdeutschen Vokabeln, die eine ganz eigene Stimmung schaffen. Auch Hunkeler ist ein durch und durch kauziger, aber eben deswegen nicht menschenfeindlicher Gesell, der nicht mehr recht weiß, wie er in die Zeit gehört. Älter schon, hat er vom Leben genug gesehen, um zu wissen, dass sich Erkenntnis und Wissen nicht erzwingen lassen, sondern wachsen müssen, gegen alle Widerstände derer, die es eilig haben und es schon von daher nicht so genau nehmen können; vom Handeln ganz zu schweigen. Grantelig ist er und schroff, aber nicht kalkuliert, um großspurig am Leben zu verzweifeln, auf das dieses für sich wenn schon keinen Lebenssinn, so doch wenigstens eine Lebensbeschäftigung ergibt. Entsprechend kann er es nicht lassen, seinen Intuitionen zu folgen, die sich eben nicht auf das rein Kriminalistische beschränken. Und nicht minder entschieden und beharrlich geht er seinen eigenen Emotionen nach, lässt sich von ihnen schütteln und rütteln – in aller Ruhe und Ausführlichkeit.

Der Schlitzer geht um

Die eröffnende Szenerie in Schneiders fünftem Streich ist dabei zunächst so extravagant nicht: Hunkeler kommt spät abends oder eigentlich recht früh am Morgen aus einer Kneipe, wo er sich von Herzen wohlgefühlt hat. Es ist Ende Oktober, aber man kann sich draußen noch auf eine Bank setzen. Und er setzt sich zu Hardy, einem alten und noch mehr altbekanntem Stromer; raucht eine Zigarette und erzählt dies und das. Nur dass Hardy ihm nicht antworten wird: Jemand hat ihn stranguliert, dann die Kehle durchgeschnitten und sein Ohr aufgeschlitzt.
Hardy wird nicht der einzige bleiben, der sein Leben lässt und der geschlitzt wurde und was folgt ist am Ende eine Reise in die Geschichte der Schweiz, zurück in düstere Zeiten, in die auch die heutigen Lebenden verstrickt bleiben. Auf dem Weg dorthin durchkreuzt unser Held immer wieder die Baseler Halbwelt, trifft auf eben all die Menschen, die nicht zu den vordergründigen Gewinnern gehören; trifft auf Trinker und Einsame; auf Eigenbrötler, auf Verlassene, auf Gescheiterte. Und ist hernach anderntags unterwegs ins Elsäßische, wo er ein Haus hat, um sich mehr als gründlich auszuschlafen, wissend, dass die Gedanken gerade eines Ermittlers Raum und Zeit brauchen, wollen sie sich entfalten. Zudem zeigt sich Hunkeler einmal mehr als Grenzgänger wie noch mehr als Erkunder der Regionen, der Mentalitäten und erst recht deren Bewohner. Sehr schön erzählt wird all das, in kurzen, präzisen, aber keinesfalls kühlen Sätzen; stimmungsvoll statt dessen und zugleich getragen von einer eigentümlichen Ruhe, wie sie entsteht, wenn ein Autor es versteht, seinem Helden ein Eigenleben zu ermöglichen.

Ein Krimi, der durch den Magen geht

Noch etwas macht Schneiders Hunkelerromane so einzigartig wie selbstverständlich: Ständig wird aufs angenehmste gegessen. Waadtländer Saucisson mit Lauchgemüse, dazu ein Rioja. Kalbszunge mit Kapern, als Nachtisch Apfelmus. Sauerkraut mit Wacholderbeeren und Speck zu wässrigen Kartoffeln, dazu ein Fläschchen schlichten Wein. Kutteln auch mit Bohnen und Parmigiano. So entsteht nicht allein eine ganz handfeste Grundierung jenseits von Blaulicht und Telefonaten; von Befragungen und dem Spekulieren über mögliche Motive. Mehr noch hat dies Folgen für den Leser: Immer wieder findet dieser sich vor dem Kühlschrank wieder, vor dem Vorratsschrank, vor der Speisekammer, dabei wollte man doch stramm im Bett liegen und lesen, lesen, lesen und ist nun doch wieder aufgestanden, um sich ganz Schneiders leiblicher Sinnlichkeit hinzugeben.

Frank Keil-Behrens


Hansjörg Schneider: Hunkeler macht Sachen.
Ammann. 2004.
Geb. 304 S. 18,90 ¤.
ISBN 3-250-10474-4

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