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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:16

 

Charles Todd: Stumme Geister

21.02.2005

 
Die Stimmen der Toten

Ein Krimi, der sich aus dem Pool der Klischees bedient und am Ende alles andere ist als ein Klischee. Oder: Im ländlichen England ermitteln nicht nur harmlose ältere Damen.

 

Pawlowscher Hunde bedarf es heutzutage nicht mehr, um das Phänomen der Konditionierung zu erforschen. Normale Krimileser tun es auch. Man erzähle ihnen von englischen Dörfern mit idyllischen Cottages, in denen schrullig-undurchsichtige Bewohner die ländliche Beschaulichkeit wie eine geblümte Zudecke über den Abgrund des Verbrechens gezogen haben – und schon beginnt die Speichelproduktion. Agatha Christie und Konsorten (besser sollte man wohl von Konsortinnen reden) sei Dank.
Also: Charles Todds Roman „Stumme Geister“ spielt in einem Dorf in Kent, es wird reihenweise gemordet und das Personal ist typisch englisch. Man hört die Teetassen klappern, in denen das ursprünglich bräunliche Getränk infolge seltsamer Gebräuche eher von milchiger Farbe ist, und die Damen sehen vielleicht so aus, als tanzten sie furchtbar gerne Charleston. Denn wir schreiben das Jahr 1919 – und spätestens hier verabschieden wir uns von der Konditionierung.

Was „Stumme Geister“ außerhalb der Tradition des „typisch englischen Krimis“ stellt, ist der Charakter seiner Hauptfigur, des Inspektors Ian Rudledge von Scotland Yard. Der ist aus den französischen Schützengräben heimgekehrt, um sich nach dem legalen Massenmord der Bekämpfung des legalen Einzelverbrechens zu widmen. Er hat jemanden mitgebracht, einen Schotten namens Hamish, den Rudledge einst wegen Befehlsverweigerung hat hinrichten lassen und der nun im Kopf seines Exekutors weiterlebt. Hamish sorgt nicht nur dafür, dass die Schrecken des Krieges in Rudledge stets präsent bleiben, er übernimmt auch die Rolle des Assistenten, des Warners und Kombinierers, vor allem jedoch ist er die Stimme jener „stummen Geister“, die Rudledge auf Schritt und Tritt verfolgen.
Zu diesen stummen Geistern gehört etwa der Mörder, zu dessen Überführung Rudledge beigetragen hat, an dessen Schuld nun aber, nach dem Auftauchen eines neuen Beweisstücks, Zweifel auftauchen. Eher zaghaft widmet sich Rudledge diesem alten Fall, da wird er auch schon in jenes idyllische Kent’sche Dorf befohlen, in dem drei Kriegsversehrte mittels starker Dosen Laudanum schmerzlos ins Jenseits befördert wurden.

Ein großer Krimi

„Stumme Geister“ ist mit toten, mehr noch aber mit lebenden Opfern eines Verbrechens bevölkert, für das keine Polizei zuständig ist und dessen Urheber daher folgerichtig ihrer gerechten Strafe entgehen (wenn man davon absieht, dass der abgedankte zweite Wilhelm in Holland Holz hacken muss). Todd schildert dies atmosphärisch dicht, weder larmoyant noch mit dem Impetus eines ebenso selbsternannten wie selbstgerechten Moralisten. Es ist wie es ist, man muss sich durchlavieren, und wer auf Gerechtigkeit wartet, wartet vergebens.
Der Roman folgt dabei durchaus der Dramaturgie des Krimis, wie wir ihn von den großen Vorläufern kennen. Es wird gemordet, es wird ermittelt, es werden falsche Spuren gelegt, und auch das Herz kommt auf seine Kosten. Das ist unterhaltend und spannend, präzise erzählt und, bis auf wenige Stellen, sogar logisch. Es ist aber lediglich das Transportmittel, mit der dem Leser eine sehr viel größere Tragödie zur Kenntnis gebracht wird, die immer weitere Kreise zieht und am Ende alles, was gut, was böse sein könnte, verschlingt.
Rudledge löst beide Fälle, doch es befriedigt ihn nicht. Sein Fall bleibt weiterhin ungelöst, Hamish, der Untote, sitzt immer noch auf dem Rücksitz von Rudledges Wagen und erinnert ihn daran, dass die stummen Geister nicht aufgehört haben, Gerechtigkeit einzufordern.
Ein ganz großer Krimi, auch für Leute ohne Speichel im Mund.

Dieter Paul Rudolph


Charles Todd: Stumme Geister.
Roman. A. d. Englischen v. Uschi Gnade. Broschiert.
Heyne. 2004.
Taschenbuch. 428 Seiten. 8,95 Euro.
ISBN: 3-453-43005-0.

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