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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:17

 

Arnaldur Indridason: Gletschergrab/ Menschensöhne

03.04.2005

Die Indridason-Protokolle

Er hat sich in den letzten Jahren in das Herz vieler Krimifans geschrieben: Arnaldur Indridason mit seinen Islandkrimis um den mürrisch-melancholischen Kommissar Erlendur Sveinsson. In den letzten Wochen sind gleich zwei Romane von ihm erschienen. Protokoll einer Enttäuschung – und einer Wiedergutmachung.

 

Montag, 22.02 Uhr
Endlich mal geschafft: Kein Termin, alles erledigt, Zeit zum Lesen. Warum sich nicht gleich ins Bett legen, ein Rotweinglas auf dem Nachttisch. Die Kissen nett aufgeschichtet. Dazu genug Licht, das nicht blendet. Schön. Also das Buch aufgeschlagen und losgelesen: „Gletschergrab“.

Montag, 22.15 Uhr
Sieht mehr nach Militär- oder Spionagetriller aus. Rückblende: Ein Flugzeug ist einst auf dem Vatnajökull gelandet; Bruchlandung. 1945. Ein Mann geht raus in den Schnee. Schnitt und Jetztzeit: Heldin scheint eine gewisse Kristín zu sein. Arbeitet in einer Behörde, Außenhandel, Papiere, Genehmigungen. Single, tendenziell müde und leicht überspannt; Großstadtschicksal, auch wenn Reykjavik so riesig nicht ist. Ein bisschen hysterisch, wie die Frauen in den amerikanischen Filmen, die immer so schreien, wenn sie im Parkhaus um ihr Leben laufen, dabei kostet gerade das doch Kraft. Bekommt einen Anruf von ihrem Bruder, der oben auf dem Gletscher ist. Mehr so zum Spaß. Scheint aber dort etwas entdeckt zu haben – dann reißt die Verbindung ab. Jedenfalls wollen ihr plötzlich verschiedene Männer an die Wäsche, die sich dabei in die Quere kommen. Sie kann abhauen. Barfuss. Flüchtet zur amerikanischen Air-Base. Sie kennt da jemanden. Einen verflossenen Liebhaber. Aha – ganz ist das Feuer noch nicht erloschen.

Montag, 23.15 Uhr
Hmhm. Wo bleibt denn Kommissar Erlendur? Kommt er noch? Also richtig, nicht nur als dieser namenlose Kommissar, der diesen Geheimdienstgangstern Schwierigkeiten zu machen scheint und nicht richtig zum Zuge kommt. Das Intro dauert nun schon sehr sehr lange. Wenn es denn eines ist. Jedenfalls geht es noch immer um irgendwas geheimnisvolles auf dem Gletscher, das da eingefroren ist. Ein Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg. Als der vorbei ist, fast jedenfalls. Geheimnisvoller Fracht, hinter der alle her sind und so weiter. Codename: Akte Napoleon. Und die, die dahinter her sind, wollen nicht, das andere merken, dass sie dahinter her sind und machen entsprechend Ärger, damit sie die einzigen bleiben, die Bescheid wissen. Also die Amis sind hinter dem Flugzeug her. Ganz großer Bahnhof mit Geheimdienstchef und Spezialhubschraubern, die heimlich auf dem Gletscher landen. Geschichtlicher Hintergrund ist klar: US-Basis in Keflavik, innenpolitische Spannungen deswegen quer durch die Sechziger bis in die Siebziger, Halldor Laxness’ Roman „Atomstation“, etc.

Montag, 23.45 Uhr
Ja ja, kapiert: Die Amis sind brutal wie nichts gutes. Die Isländer gutmütige Trottel, denen man umsonst auf der Nase tanzen kann. Wacht wenigstens der Ministerpräsident auf? Nee? Jetzt geht es noch mal auf den Gletscher, inklusive wilder Schießerei. Unsere Heldin bleibt taff und durcheinander. Liebhaber beißt ins Gras. Sehr sehr böse Ami-Folterer, der seiner gerechten Strafe nicht entgehen wird. Oh ist das öde. Schlafen? Besser schlafen. Was liegt denn sonst noch so an Büchern bereit?

Tage danach:
Weiter lesen? Wie kann es nur sein, dass dieser sonst doch so stil- und tempo- und spannungssichere Autor ein Buch diesmal so vergeigt? Eine Frage, die einmal gestellt, sagt, das es zu spät ist. Also kann man auch weiterlesen.

Irgendwann:
Ach so: Adolf Hitler. Haben wir doch irgendwie gleich geahnt.

Zwei Wochen später:
Der neue Indridason ist da: „Menschensöhne“. Aber von wegen „neu“. Auch dies kein neuer Band, wie das so oft passiert, wenn ein Verlag hierzulande einen Krimiautoren nebst dessen Krimireihe etablieren will, sich aber erst mal nicht recht traut, sondern einen Roman aus dem Mittelfeld nimmt, auf den Markt wirft wie einen Versuchsballon. Klappt es, stimmen die Umsatzzahlen, sagt die Kritik „ja“ bis „super“, geht es bald weiter in beide Richtungen: also einerseits die neueren bis neuesten präsentieren und rückwärts die älteren nachliefern bis zum aller ersten. Was manchmal sehr enttäuschen kann. Nun also der erste Band der Reihe um Erlendur Sveinsson. Von 1997. Wie alles anfing, damals. Als sein Sohn noch lebt (wieso und warum der sich umgebracht hat, hat uns schon immer interessiert) und seine Tochter schon drogensüchtig ist. Wie sich kennen lernen und anmuffeln, der Kommissare und sein Assistent; wie sie das eben so machen. Okay: Ein wenig holperig ist die Geschichte zunächst. Aber nicht unspannend. Die Dialoge zu lang gezogen; zu umständlich So redet keiner, nicht mal in Büchern. Doch überall blitzt schon der Könner hindurch. Verschafft sich immer mehr Luft und auch Gehör. Es geht wie immer bei Indridason um das Wirken des Vergangenen in die unmittelbare Gegenwart, die so nur mit dem Blick zurück enträtselt werden kann. Ein pensionierter Lehrer verbrennt in seinem spärlich möbliertem Haus. Gefesselt an einen Stuhl, und scheint sich nicht allzu sehr gewehrt zu haben. Fast zeitgleich bringt sich einer seiner früheren Schüler um. In der Psychiatrie, wie überhaupt einige seiner Mitschüler nicht recht mit dem Leben zurecht gekommen sind. Doch, liest sich spannend an, jetzt wo die Dinge ins Rollen kommen. Hoppla – die Hälfte gelesen. In einem Rutsch. Guter Krimi. So wollen wir es haben. Danke.

Frank Keil



Arnaldur Indridason: Gletschergrab. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling und Kerstin Bürling. Edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2005. 366 Seiten.7,90 ¤.ISBN 3-404-15262-x

Arnaldur Indridason: Menschensöhne. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling.
Edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2005. 347 Seiten. 18 ¤. ISBN 3-7857-1556-0

 

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