Arne Dahl: Tiefer Schmerz.
11.04.2005
Lob des Teams
Arne Dahl ist dafür bekannt, dass es in seinen Krimis nicht gerade zimperlich zugeht. Dies hat einen schlichten Grund: Ihm liegen Opfer, Täter sowie Ermittler gleichermaßen am Herzen.
Dass wir gemeinhin das Vielfrass Vielfrass nennen, beruht auf einem Übersetzungsfehler. Heißt das hoch im Norden lebende Mardertier doch auf Schwedisch 'Fjäl-Fräs', auf Norwegisch 'Fjeld-Fross', was jeweils korrekt mit 'Felsenkatze' zu übersetzen ist. Unbelassen davon ist dessen Vermögen, seine Beute mit Haut und Haaren zu vertilgen. Schlecht also ergeht es dem anfangs noch unbekannten Mann, als der des späten Abends in einem Zoo in der Nähe von Stockholm in das Vielfrassgehege gerät. Fast nichts ist von ihm am nächsten Morgen noch übrig. Ein paar Knochensplitter, einige Stofffetzen und ein Finger. Doch wie ist er überhaupt in das abgesicherte Gehege geraten? Gar freiwillig? Wer hat zudem offenbar gleichzeitig auf ein kleines Mädchen geschossen, das in der Nähe spazieren ging? Und war es sein Finger, mit dem er dann in letzter Minute und mit letzter Kraft das Wort EPIVU in die Erde geschrieben hat? Was aber könnte es bedeuten? Zumal bald ein zweiter Toter gefunden wird, der gleichfalls jenes Wort als letztes hinterlassen haben muss: ein hochbetagter Hirnforscher und Nobelpreiskandidat, der kopfüber an einem Baum hängt mit einer langen Nadel in seinem Schädel.
Furiose Jagd
Die Krimis des Arne Dahl sind zunächst nichts für schwache Nerven. Doch hat man das Intro überstanden, stößt man auf einen zutiefst emphatischen Krimiautor. Denn auch wenn es formal mit der Figur des Paul Hjelm so etwas wie einen zentralen Helden gibt - Dahl schwört auf das Team, setzt auf das Zusammenführen verschiedener Herangehensweisen. Erst das Zusammentreffen unterschiedlicher Personen mit ihren Eigenarten und Macken sorgt so für ein Gegengewicht, dass das Grausige bannt, das sich nie isoliert für sich selbst ereignet hat. Da wäre etwa Hjelms Kollegin Kerstin Holm, die im Kirchenchor die Altstimme singt und am Ende des Romans zielsicher auf eine seelische Krise zu steuert; da wäre der ältliche Ermittler Jan-Olov Hultin, der an Inkontinenz leidet, entsprechend Windeln trägt und nicht daran denkt, sich dadurch in seiner Arbeit behindern zu lassen. Fehlen noch dessen Kollege Gunnar Nyberg, ein ehemaliger Mister Schweden, der sein Gewicht gerade von 146 Kg auf 100 Kg heruntergehungert hat und nicht zuletzt der mit fünf Kindern gesegnete Finnlandschwede Arto Söderstedt, der weintrinkend im fernen Italien im wohlverdienten Urlaub weilt, den er auch keinesfalls unterbrechen will, wie er seiner Frau versprochen hat - noch. Denn was sich bald entspinnt, ist eine furiose Jagd durch halb Europa, die immer wieder nach Stockholm zurückführt. Am Ende ist einiges geklärt, aber das ist vom Ergebnis her gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, das wir wieder einmal eintauchen in Schwedens Vergangenheit und dass das so oft heimelige Bild dieses Landes mit seinen roten Holzhäusern und seinen Pippi Langstrumpf-Figuren eine ganz andere Färbung erhält. Wichtig wird, wie sich Lebensläufe unter dem Diktat der Tat bündeln, verwirren und wieder klären. Und ganz entscheidend ist, dass man am Ende auch diesen vierten Dahl-Krimi atemlos verschlungen hat, mit einem Appetit, wie ihn Vielfrasse haben sollen.
Frank Keil-Behrens
Arne Dahl: Tiefer Schmerz. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper Verlag. 2005. 411 S. 19,90. ¤ ISBN 3-492-04714-9
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