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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:17

 

Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag

17.02.2004

 



Volltreffer




 

„Der Fall interessiert keinen mehr, Commissario De Luca... So hat man sich darauf geeinigt, dass es ein politischer Fehler wäre, ausgerechnet jetzt einen Riesenwirbel zu verursachen“. Der Fall, das ist der tote Bordellhandlanger Ermes Ricciotti - war’s nun Selbstmord oder Mord?

Commissario De Luca, ausgerechnet vor den ersten demokratischen Wahlen im April 1948 nach Bologna versetzt, gerät mit seiner idealistischen und gradlinigen Einstellung seinem Job gegenüber in einen Komplott aus Machtgier, Korruption und Intrigen, muss sich zwischen den Fronten von Polizeiapparat und Polithierarchie durchboxen. Aber klar: natürlich interessiert der Tote aus dem Rotlichtmilieu - er bleibt übrigens nicht der einzige - über 200 Seiten hin noch brennend und natürlich schert sich De Luca den Teufel um irgendeinen „Riesenwirbel“. Ein Vorzeige-Commissario ist er, dieser Neue im Sittendezernat, ohne „dottore“, eben noch ganz von der alten Schule.

Viele Preise hat er schon geerntet, dieser Carlo Lucarelli, der so mutig, zielstrebig und lebendig seine Figuren in Szene setzt, sie in den letzten Tagen vor der Wahl agieren lässt, einer Wahl, die das Land in Atem hält. „Die Aktivitäten der Abteilungen auf die dringendsten Fälle beschränken, alle verfügbaren Männer für die Wahlen bereithalten.“

Auch für „Der rote Sonntag“ gab’s im Heimatland bereits schon bedeutende Lorbeeren. In diesem Fall sicher auch dafür, dass es Lucarelli grandios gelungen ist, die in der Tat spannende Geschichte einzubetten in die nicht minder spannende und nicht unbedeutende Geschichte Italiens zu dieser Zeit: die Spaltung der Linken, eine gestärkte Rechte, das Klima des Kalten Krieges zwischen Ost und West, ein Italien am Rande des Bürgerkrieges.

So ist der Roman nicht nur ein Krimi, sondern ganz nebenbei ein Stückchen Geschichtsdokumentation, verpackt in den so eigenwilligen und mittlerweile bereits leicht wiedererkennbaren und typischen Stil Lucarellis: mal pointiert, spitz, kritisch, mal spontan witzig, spöttisch, ironisch, wie auch immer, auf jeden Fall stets ins Schwarze treffend.

Textausschnitt:

De Luca...stellte den umgekippten Hocker genau unter die Fußspitzen des Mannes und maß eine Spanne Abstand zwischen Sitzfläche und Schuhsohlen. „Dass ein Erhängter länger wird, wenn er eine Weile hängt, ist normal“, sagte er leise, „aber dass er kürzer wird, habe ich noch nie gehört.“...der junge Mann hatte sich nicht allein dort oben hingehängt, das hatte ein anderer für ihn getan.


Barbara Wegmann



Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag. Piper, 197 S., 12¤, ISBN: 3492270107

 

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