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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:17

 

Celil Oker: Letzter Akt am Bosporus

11.04.2005

 
Ein Detektiv, der nicht ermitteln mag

Cecil Oker, der Erfinder des Privatdetektivs in der türkischen Literatur, lässt seinen Schnüffler am Bosporus wieder Fälle lösen. Diesmal im Theater-Milieu.

 

Doppelter Beginn

Der Anfang ist verwirrend. Auf einer Geburtstagsparty stirbt eine junge Frau. Es geht um einen geheimnisvollen Brief, einen ermordeten Verlobten, eine heimliche Abtreibung und einen Dolch. Wer nun auf exakt 20 Seiten mühsam versucht, der Handlung zu folgen, sich die Namen der Figuren zu merken und die Vorgeschichte zu erahnen, macht dies vergeblich. Der Fall ist zu Ende. Auf Seite 21 beginnt eine neue Geschichte. Die Anfangsstory sollte nur erklären, warum der Privatdetektiv keinen neuen Fall übernehmen will. Und warum er am allerwenigsten einer jungen Frau helfen möchte, die sich bedroht fühlt.

Privater Schnüffler verweigert seine Hilfe

Doch genau so eine Frau läuft ihm über den Weg: Die junge Theaterschauspielerin Tugcen Yavas, eine Kollegin aus dem Aikido-Kurs bittet ihn, sie in seinem Auto mit zu nehmen. Remzi Ünal willigt ein und merkt bald, dass sie verfolgt werden. Angeblich ist Tugcens Liebhaber hinter ihr her. Remzi will sich nicht in Beziehungsangelegenheiten einmischen und für Autojagden fühlt er sich einfach zu alt. Er hat das Gefühl, dass jede seiner Einmischungen für die betreffenden Personen nur Unglück bringt. Daher versucht er gar nicht, den Verfolger abzuschütteln, sondern setzt die junge Frau nur in der Nähe ihrer Wohnung ab. Wenige Stunden später erfährt er, dass eine junge Schauspielerin in ihrer Wohnung ermordet wurde.

Erfindung des türkischen Privatdetektivs

Was ist das für ein Privatdetektiv, der eine verfolgte Frau alleine lässt? Es ist der erste in der türkischen Kriminalliteratur. Remzi Ünal hat eine gescheiterte Pilotenkarriere hinter sich, spielt in seiner Freizeit am Flugsimulator und gib sich in Zeitungsinseraten als privater Ermittler aus. In vielen Rezensionen wird der Vergleich mit Raymond Chandlers Phil Marlowe bemüht oder eine Nähe zu Dashiell Hammett bemerkt. Dem kann ich nicht ganz zustimmen. Remzi Ünal ist zwar sehr zurückgezogen, melancholisch und wenig mitteilsam, doch die coole Härte geht ihm ab. Er ist sympathisch unsicher. Eigentlich kann er seinen Beruf nicht ausstehen. Er mischt sich nicht gerne in das Leben anderer, sondern würde am liebsten Tag und Nacht fiktive Flugobjekte fliegen lassen.

Detektivroman in Istanbul

Sein Erfinder, der 1952 geborene Cecil Oker, betont am Ende des Buches in einem Interview seine starke Einbettung in die kriminalliterarische Tradition der Türkei. Der 52jährige Werbetexter Oker, der seit langem in Istanbul lebt, hat das Genre des Detektivromans auf die türkische Metropole am Bosporus übertragen.
Die Übersetzungen amerikanischer und englischer Krimischriftsteller boomen in der Türkei schon lange und immer mehr türkische Schriftsteller versuchen sich in dem Genre. Nur einen Privatdetektiv gab es in der Literatur noch nicht. Ganz einfach deswegen, weil dieser Beruf in der türkischen Gesellschaft keinen Platz hat. Es gibt zwar mittlerweile auch genügend reale Privatdetektive, jedoch ohne Tradition und ohne rechtliche Grundlage. Celil Oker lässt seine Hauptfigur Ünal daher immer wieder ausprobieren, was möglich ist und was nicht. In allen fünf Bänden aus der Remzi Ünal Serie wird die Rolle eines Privat-Eye thematisiert. Die Leute, die zu ihm kommen, haben oft falsche Erwartungen, Remzi weiß selbst nicht so genau, was er machen soll. Diese Unsicherheit erklärt vielleicht auch das seltsame Verhalten Remzi Ünals bezüglich der Verfolgung der Theaterschauspielerin.

Gerade diese Erklärungen zum Roman erhellen so manche Unklarheit beim Lesen der Geschichte. Daher ist das Gespräch des Autors mit Thomas Wörtche, dem Herausgeber der bestechenden Reihe „metro“ im Unionsverlag, im Anhang des Buches wirklich lesenswert. Und der Roman selbst ist allein schon aufgrund seiner literarhistorischen Bedeutung von Interesse.

Mia-Bernadette Ehrenhuber


Celil Oker: Letzter Akt am Bosporus. Ein Fall für Remzi Ünal.
Kriminalroman. Aus dem Türkischen von Nevfel Cumart.
Unionsverlag 2004.
Taschenbuch. 219 Seiten, 9,90 Euro.
ISBN: 3-293-20313-2

 

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