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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:17

 

Carlo Lucarelli: Der Kampfhund

17.02.2004




Atemberaubende Spannung

Ausbildung zum Pitbull: die Karriere eines Berufskillers



 

Fast eine Nacht durchgelesen, morgens müde aufgewacht, dicke Augen? Macht nichts! Der neue Krimi des ‚originellsten Krimiautors, den Italien zur Zeit hat’, man legt ihn einfach nicht mehr aus der Hand nach den ersten Seiten. Spätestens nach „Der grüne Leguan“ ( 1999) und „Schutzengel“ (2001) wuchs die Neugier auf den nächsten Thriller von Carlo Lucarelli beträchtlich. Der ‚Autor mit Kultstatus’, er sagt über sich selbst, dass Polizisten und Schriftsteller seine Freunde seien. Ja, wen wundert es da, dass derart gut geschriebene und bestens recherchierte Krimis herauskommen, natürlich nicht ohne den gehörigen Schuss eigenen Talents, und das hat er wahrlich!

„Jede Geschichte braucht ihren eigenen Erzähler“, sagt Lucarelli, der sich nicht auf einen festen Kommissar oder eine ermittelnde Beamtin festgelegt hat. In seiner neuen Geschichte schickt er so die junge Inspektorin Grazia Negro in den Ring. Lucarelli-Fans ist sie keine Unbekannte mehr. Grazia ist spezialisiert auf das „Fangen von Untergetauchten“ und ihr Vorgesetzter sagt über sie: „Ich schwöre dir, die war der reinste Bluthund. Wenn sie einen schnappen sollte, heftete sie sich an ihn und schlief nicht mehr, sie studierte ihn, sie wusste alles über ihn, was er gemacht hatte, was er gesagt hatte , wie er als Kind war, sogar wovon er träumte, verdammt, als wäre sie mit ihm verlobt...“ Pech allerdings gleich zu Beginn: bei einem Abhöreinsatz ermordet ein Killer die von ihrem Team observierten Personen. „Welche Mafia steckt dahinter? Unsere oder die russische? Haben sich hier zwei Banden gegenseitig einen Gefallen getan?“ Na, wer weiß.

Lucarelli bedient sich im „Kampfhund“ eines überaus Spannung schaffenden Kniffs: drei Erzählstränge sind es, die zunächst parallel laufen, die polizeiliche Ermittlungstruppe ist einer davon. Dann ist da Alex, ein junger Mann, Student, der bei einem Internet-Provider arbeitet und für die Überwachung des Chatbereichs zuständig ist. Dort fällt ihm ein eigenartiges Gespräch zweier Teilnehmer auf, in dem ein Pitbull auftaucht. Es versteht sich, dass auch er ‚ermittelt’, herausfinden will, was dahinter steckt.

Und dann ist da jener Berufskiller, Vittorio, der tötet, weil er bezahlt wird, „wie ein Pitbull, der fürs Töten abgerichtet ist“. Was steht doch im Vorspann des Buches über diese Kreuzung zwischen Bulldogge und Terrier?: „Gerät jedoch ein Jungtier an einen skrupellosen Abrichter, entwickelt der Pitbull wieder jene Grausamkeit, die ihm seinen Ruf als ‚gefährlichster Hund der Welt’ eingetragen hat“.

Vittorio, auf dessen Konto weitaus mehr grausame Morde gehen als in dem Buch Platz finden, er sei, so schildert seine Mutter ihn „schon immer ein schüchterner Junge, ein bisschen verschlossen“ gewesen. „Aber ein guter Junge, verstehen Sie? Herzensgut.“ Wenn sie sich da mal nicht täuscht!

„Früher oder später schnappen wir ihn“ - in vielen Krimis eine lapidare Äußerung der ermittelnden Kriminalisten, um irgendwie Spannung zu erzeugen, für Lucarelli aber Grünlicht für fesselnde und atemraubende Unterhaltung.

Erneut ist Bologna Schauplatz des Geschehens, dort wohnt der 1960 in Parma geborene Erfolgsautor mit seiner Familie. Und wenn auch die Mafia, Korruption und Geldwäsche immer wieder in seinen Romanen eine Rolle spielen, dann sagt Lucarelli dazu nur lapidar, dass das eben zu dieser Stadt gehöre und nun einmal Tatsache sei.

Seine Romane, man liest sie nicht nur ausgesprochen flott weg, nein, man wird vielmehr hilflos von wachsender Spannung und ausgeklügelten stilistischen Tricks mitgerissen. Mal geht es stringent geradeaus, mal scharf beobachtend, kurze Sätze, plakativ, dann wieder, ausruhend und fast philosophierend. Bildhaft ranken sich Gedanken um etwas plötzlich Aufgetauchtes. Wie ist das möglich, so fragt man sich, atemlos dann eine kurze Pause einlegend, bei derart übersichtlicher und klarer, fast einfacher Schreibweise, schnörkelloser Sprache, die nicht unbedingt das Prädikat "literarisch wertvoll" anstrebt. Aber vielleicht liegt ja gerade da Carlo Lucarellis großes Geheimnis und geheimes Rezept.


Barbara Wegmann



Carlo Lucarelli: Der Kampfhund. DuMont, 300 S., 17,90 ¤ .ISBN: 3832160027

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