Thomas H. Cook: Das Verhör
25.04.2005
Polizeithriller klassisch
Einen weiteren spannenden Polizeithriller nach klassischer Manier hat der Amerikaner Thomas H. Cook hier vorgelegt. Das Thema Kindsmord und seine Aufklärung werden stilsicher umgesetzt. Allerdings hätte man sich noch ein bisschen mehr Zeitkolorit gewünscht.
Die Detectives Norman Cohen und Jack Pierce sind ein eingespieltes Team. Schon manchen Mörder haben sie in ihrer langjährigen Zusammenarbeit überführt. Doch dieses Mal scheint die Sache brenzlig zu werden: Der Obdachlose Jay Small soll in einem Park ein achtjähriges Mädchen erwürgt haben. Da Small die Tat jedoch immer wieder hartnäckig leugnet und die Polizei keine wirklichen Beweise hat, droht er ihnen zu entwischen. Fakt ist: Smalls kannte das Mädchen und hat sie sogar gemalt. So ist auch Chief Thomas Burke, der die Ermittlungen offiziell leitet, von Smalls Schuld überzeugt. Er zitiert die beiden Detectives eines Abends zu sich: "Der Befehl kommt direkt vom Polizeichef. Wir haben bis sechs Uhr früh Zeit, etwas Handfestes zutage zu fördern. Sonst müssen wir Smalls laufen lassen." Cohen und Pierce haben noch elf Stunden, die Stadt vor dem mutmaßlichen Mörder zu schützen.
Klassisch und klar konstruiert
Thomas H. Cook versteht es meisterhaft, den Leser in die Handlung eintauchen zu lassen. Das liegt vor allem an den Figuren, die absolut plastisch und lebendig sind, die mit ihrer Vorgeschichte dem Leser eine weitere Bedeutungsdimension erschließen und die Lektüre zum spannenden Erlebnis machen. Dabei strukturiert die hier zur Anwendung kommende Deadline den Plot und führt zu einem ansprechenden Spannungsbogen, der die ganze Handlung überträgt. Überhaupt wird die Lektüre an keiner Stelle langweilig, auch weil beide Spannungsmomente, die detektivische Aufklärung der Tat und die thrillerhafte Zukunftsspannung, Hand in Hand gehen und fein aufeinander abgestimmt sind, was absolut überzeugt.
Dabei vergisst man leicht, dass die Handlung Anfang der fünfziger Jahre in einer amerikanischen Großstadt spielt. Hier hätte man sich noch ein wenig mehr Zeitkolorit gewünscht, und man fragt sich, warum der Autor sich überhaupt für diese "Zeitreise" entschieden hat, da er die Atmosphäre der fünfziger Jahre wenig, geschichtliche Umstände und Tatsachen gar nicht nutzt. Freilich fallen bei dieser Vorgehensweise die heute üblichen technischen Ermittlungsverfahren weg, auch von nervigem Handygeklingel wird man verschont, was alles in allem sogar recht wohltuend den Krimi respektive den Thriller auf seine Grundlagen reduziert und auch den Fokus auf die genuin psychologische Dimension der Polizeiarbeit richtet.
So bleibt letztlich der Eindruck eines fein abgestimmten Kriminalromans, der im Wesentlichen geschlossen, psychologisch, klar konstruiert und klassisch ist. Sogar die Überraschung am Schluss kann überzeugen, auch wenn der Leser hier kaum eine Chance des Miträtselns bekommt, was der eine oder andere vielleicht als Nachteil empfinden mag.
Frank Kaufmann
Thomas H. Cook: Das Verhör
Psychothriller
Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezzenberger
Knaur, 2005
Taschenbuch, 375 S, 7,90 ¤
ISBN: 3-426-62463-X