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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:17

 

Fred Vargas: Der Vierzehnte Stein

02.05.2005

 
Zeit der Prüfung

In "Der Vierzehnte Stein" stellt die Französin Fred Vargas ihren Helden, Kommissar Adamsberg, auf die Probe.

 

Akkurat, akkurat und nochmals akkurat ist er nicht, der Kommissar Adamsberg. Er verfolgt andere Wege des Aufspürens. Irreales und Irrationales sind die Wegmarken, denen er vertraut. Ganz anders sein Inspektor Danglard, für den Logik und Faktenwissen zu den Grundpfeilern der Ermittlung gehört. Zusammen könnten sie ein unschlagbares Gespann bilden. Doch die unterschiedlichen Herangehensweisen bilden auch Barrieren.

Dies gerät dem Einzelgänger Adamsberg beinahe zum Verhängnis. Seine düsteren Vorahnungen werden auf einer Dienstreise seiner Brigade nach Quebec konkreter. Ein Familiengespenst krallt sich auf seiner Schulter fest und wächst sich zu einem Drachen aus. Leider glaubt ansonsten niemand an dieses Phantom, das unglaubliche Dimensionen annimmt. Im Gegenteil, man unterstellt ihm ein Ego so groß wie das Straßburger Münster. Verunsichert stolpert er in Kanada auf dem Pfad der Intuition und provoziert einen Rollentausch. Der Kommissar wird zum Verdächtigen und muß zu kriminellen Mitteln greifen, um seine Unschuld zu beweisen.

Fred Vargas entwickelt ihre Figuren sehr liebevoll. Manche kennt man schon aus anderen Fällen, manche werden zu neuen Freunden, wie die unkonventionelle Hackerin Josette. Sie läßt ihnen viel Raum für ihre eigenen Wege und der Möglichkeit, sich voller Verve in Sackgassen zu verrennen. Dabei erlaubt sie ihnen sogar, vom Pfad der Lesersympathie abzuweichen. Aber im Spannungsfeld von Unglauben und möglichem Verrat läßt sie sie niemals gänzlich los. Und am Ende muß man sie doch lieben, diese Dickköpfe mit ihren Schwächen.

Schon in ihren früheren Kriminalromanen griff Vargas auf Mythen zurück, die sich bis heute im Märchen oder im sog. Aberglauben fortgesetzt haben. So die Erscheinung des Wolfsmenschen in “Bei Einbruch der Nacht” oder die Geschichte der Pest in “Fliehe weit und schnell”. In abgewandelter Form arbeitet sie mit Bruchstücken und Bildern der alten Mythen und bringt dadurch ihre Aktualität zum Vorschein. Denn so mancher tote See lebt noch, unter seiner Oberfläche schwimmt Vorsintflutliches genauso wie das Unbekannte, das erst entdeckt werden will.

Die Dienstreise in das fremde Land wird für den Helden zu einer Zeit der Prüfung. In einer Art Initiation muß er muß sich seinem Drachen stellen und begegnet neuen Sichtweisen. Der Träumer steht fassungslos der Wissenschaft gegenüber, die siegesgewiß mit dem Finger auf ihn, den verbrecherischen Polizisten zeigt.

Ganz von vorn muß er wieder anfangen und sogar eine neue Sprache lernen. Es ist das äußerst lustvoll ins Deutsche übertragene kanadische Französisch. Sehr Bildlich und direkt entlarvt das Québecois den Franzosen sprachlich als altmodisch und hölzern. Gut für die Literatur, wenig tauglich für das Leben. Hier findet man auch einen passenden Namen für seine Art der Ermittlung. Sein assoziatives Vorgehen wird als Wolkenschaufeln bezeichnet und - nicht unbedingt in Frage gestellt.

Vieles dreht sich herum in dieser transatlantischem Erfahrung, doch der eigenwillige Kommissar schafft es, seine eingefahrenen Wege zu verlassen, zu lernen ohne ein gänzlich anderer zu werden. Denn für einen Wolkenschaufler ist Adamsberg ganz schön clever. Der Schumm.

Kriminalistische Archäologie mit goldener Sichel, gut für die Literatur und das Leben: Der vierzehnte Stein. Setz dich mal richtig drauf. Und dreh dich ein paar Stunden nicht mehr um.

Maggie Thieme


Fred Vargas: Der Vierzehnte Stein
Aus dem Französischen von Julia Schoch
Aufbau Verlag, Berlin, 2005
Gebunden, 480 S., EUR 22,90
ISBN: 3351030304

 

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